Bachelorarbeit von Theresa Guczogi in Wien

Welche theoretischen Elemente definieren Freinet-Klassen? Untersuchung aufgrund von ExpertInneninterviews im Raum Wien.

Die Arbeit ist bei Freinetpädagogik in Wien bei freinet.paed.com im Volltext mit freundlicher Genehmigung von Theresa Guczogi abrufbar.

So lautet der Titel der Arbeit, die tief in den Freinet-Unterricht an Wiener Schulen taucht. Theresa Guczogi stellt fest:

    “Zentrale Elemente, die in Wiener Freinet-Klassen verwendet werden, sind Klassenrat und Erzählkreise. … Das freie Schreiben wird in Wien vor allem in Form von verschiedenen Arten der Korrespondenz, hauptsächlich Web Blogs und selbst erstellten Büchern, aber auch mittels Brief- oder E-Mail-Kontakt mit Partnerklassen, Wandzeitungen, Radiosendungen, E-Mails an die Eltern oder andere „wichtige Personen“, und sogar über Twitter, praktiziert. Im Zuge dessen werden der Umgang und die Risiken der neuen Medien thematisiert. … Auch in „Bildnerische Erziehung“ wird der freie Ausdruck von den Wiener PädagogInnen verwendet, ebenso wie in Verbindung mit Werken, dem Theaterspiel und Musik.”

Freinet selbst habe sich zwar dezidiert gegen Schulbücher ausgesprochen, aber alle Freinet-LehrerInnen verwenden Schulbücher – vor allem Mathematik- und Schreiblehrgänge sowie Lesebücher in der Klassenbibliothek. Wochenpläne sind keine abzuarbeitenden Ansammlungen von Aufgaben, sondern werden unterschiedlich eingesetzt: Teilweise planen die Kinder selbst, was sie in ihrem nächsten Projekt bearbeiten wollen, oder schreiben auch im nachhinein auf, was sie in der Woche getan haben. Es gibt auch ‘Materialbücher’, in denen alle für die Kinder verfügbaren Materialien abgebildet werden. Sie helfen den Kindern in dem durchweg sehr freien Unterricht die Übersicht zu behalten.

Es wird in Ateliers gearbeitet, so dass der Unterricht nur teilweise in der Klasse stattfindet und sich auch auf den Gang oder die Garderobe und auch in Nebenräume ausbreitet. Die Kinder werden auch teilweise bei der Gestaltung der Arbeitsplätze/Klassenräume/Ateliers beteiligt.

    “Es wird von allen befragten Lehrpersonen versucht, die Klassenräume zu Verlassen und in Form von Lehrausgängen das „echte Leben“ mit der Schule zu verknüpfen. Projektwochen, Ausflüge in den Wald und Unterricht im Freien sind keine Seltenheit.”

Auch das ‘tastende Versuchen’ – also das forschende, entdeckende Lernen – ist bei manchen LehrerInnen zentraler Schwerpunkt ihres Unterrichts. Es bestehen auch Verbindungen zur Montessoripädagogik:

    “Die Lehrpersonen vertreten generell die Meinung, dass sich alles, was gut für die Kinder ist, mit der Freinet-Pädagogik verknüpfen lässt, da die Freinet-Pädagogik einen weiten Rahmen vorgibt.”

Bei einzelne Freinet-Elementen – z.B. beim freien Schreiben – konnte in verschiedenen Klassen die konkrete Umsetzung untersucht und verglichen werden.

Der besondere Schwerpunkt der Arbeit sind die fünf transkribierten Interviews und die Dokumentation ihrer Verarbeitung.

Die Interviews geben einen sehr interessanten Einblick in das freientpädagogische Unterrichtsgeschehen – nicht nur in Wien … vielleicht . Sie zeigen deutlich auf, wie Unterricht auch an einer Regelschule anders gestaltet werden kann. Wie Kinder an dem was sie lernen sollen (und wollen) beteiligt werden können, wie sie Einfluss nehmen können auf das, was in der Schule in ihrem Schulalltag geschieht. Sie sind ein Beleg dafür, dass Demokratie und Mitbestimmung auch beim Lernen ihren Platz haben können.

Es bräuchte sicherlich noch viel mehr solcher Interviews mit LehrerInnen und auch Kindern. Das Unterrichtsgeschehen müsste und könnte viel transparenter sein statt hinter geschlossenen Türen abzulaufen. In der (Gesprächs-)Psychotherapie hat dieses Verfahren: Gesprächssequenzen aus realen Therapiesitzungen – Carl R. Rogers (Lernen in Freiheit) – einen deutlichen Impuls gegeben, die Gräben zwischen den verschiedenen Therapierichtungen zu überwinden. Davon ist Schule heute noch sehr weit entfernt. So können sich die Professoren trefflich darüber streiten, ob Frontalunterricht oder ob reformpädagogische Methoden günstiger für den Lernerfolg der SchülerInnen sind.

Genial in dieser Hinsicht ist die Dissertation Falko Peschels, der in seiner Dissertation (2003): Offener Unterricht in der Evaluation (ISBN: 978-3834001306, Verlag Schneider Hohengehren, 6. Auflage 2007) seinen Grundschulunterricht über vier Jahre ausführlich dokumentiert hat. Zu jedem Kind, insbesondere zu den ‘lernschwachen’ SchülerInnen, hat er Fallstudien erstellt, die ihre Lernfortschritte und Lernerfolge minutiös beschreiben. Peschel hat auch mehrere Jahre in der Grundschule Harmonie in Eitorf bei Köln (als Konrektor) gearbeitet, die von dem Freinet-Pädagogen Walter Hövel geleitet wird. Beeindruckend ist auch die Chronik (in der Navigation links), die Walter Hövel vom August 2008 bis Juli 2011 monatlich erstellt hat.

Wo ist denn nur das e geblieben?

Michael Ritter an der Uni Bielefeld hat nicht nur an der Eröffnung der Druckwerkstatt gedreht, er hat auch eine ganze Reihe von Schreibimpulsen gesetzt:

Die Frage nach dem Verbleib des ‘e’ löst sich so:

s ist mit inr Litr in dn Kllr gklttrt!

Ich musste schon etwas tüfteln, bis ich herausbekam, wo denn das ‘e’ abgeblieben ist.

In seinen ‘Sprachspielereien für Wortbaumeister’ stellt Michael Ritter zehn Schreibimpulse für die Arbeit mit der Schuldruckerei vor. Sie sind Anlässe – so steht es zumindest in seinem Vorspann zu den Sprachspielereien:

    “Da möglichst immer ein eigener Text gedruckt werden sollte, der aber in der Regel zu Beginn der Druckarbeit noch nicht vorliegt, ist am Anfang jeder Druckwerkstatt mittels eines Schreibimpulses eine kurze Schreibphase einzuleiten. Diese sollten den Schreibenden mithilfe eies prägnanten Impulses anregen, einen eigenen kurzen Text zu erfinden und aufzuschreiben.”

Da kann z.B. der Satz beendet werden: “Ich bin auf der Welt, …” Es muss natürlich nicht gleich um die schicksalsschwere Antwort für den gehen, der den Satz fortführen soll. Er kann um so banale wie den Kamin oder ein Osterei gehen.

    Der Kamin sagt: “Ich bin auf der Welt, um Euch zu wärmen und meine Wut am Feuer auszulassen.”

Ein Beutel mit kleinen Gegenständen kann diese Aufgabe in einer Klasse recht kurzweilg werden lassen.

Man darf dabei nicht übersehen: In der Schule heute ist das sicherlich ein sinnvolles vorgehen. Es bedeutet aber, die Schuldruckerei ist ein Teil des Stundenplans geworden. Schüler gehen in die Schuldruckerei um zu drucken.

Und grundsätzlich bleibt die Frage: Geht über diese Schreibimpulse nicht verloren, dass Freinet mit dem Schuldruck ein “cahier de vie” drucken wollte. Eine Sammlung von Schülertexten aus ihrem Leben, die ihnen selbst wichtig waren, so wichtig, dass sie diese Texte gedruckt haben. Diese Texte waren Teil der Lebenswelt der Schüler.

Natürlich weckt ein Impuls auch immer etwas aus dieser Lebenswelt der Schüler – aber er ersetzt nicht den Entschluss eines Kindes, etwas was ihm wichtig ist aufzuschreiben und zu drucken.

Nun soll aber die Kirche im Dorf gelassen werden. Die Schreibimpulse von Michael Ritter im Jahre 2012/2013 sind ja für SchülerInnen und Lehrer gedacht, die nicht wie weiland die Schüler oder Célestin Freinet von der brandneuen Technik des Drucks begeistert sind. In der heutigen Schule leben Schüler und Lehrer mit dem Fachprinzip. Die Druckerpresse steht oft nicht im Klassenzimmer, die Schüler haben nicht immer und jederzeit Zugang und dürfen/können auch nicht ‘jederzeit’ drucken. Und die Schreibimpulse verbauen ja nicht, dass Schüler auch ihre Texte drucken dürfen/können.

Wer neugierig auf die Schreibimpulse von Michael Ritter geworden ist, kann auf der Homepage der Werkstattbereiches Schuldruckerei in der Uni Bielefeld auf das Druckereiprojekt “Schreibimpulse” klicken. Dort gibt es auch noch den Vortrag von Michael Ritter: “Drucken von gestern in der Schule der Zukunft” und einen “Leitfaden: Planung eines Druckereiprojekts” zum download.

Blog auch auf dem Handy

Kurzmitteilung

Haben Sie schon den Blog zur Freinet-Pädagogik auf ihrem Handy ausprobiert?

Einfach mit der normalen URL aufrufen.

Oder mit der Kamera des Handys und dem Barcodescanner diesen QR einlesen:

qrcode (6)

Dann kommt man sofort zum Blog. Der Blog ist dann für’s Smart-Phone lesbar dargestellt. Die Navigation ist unter den Beiträgen zu finden.

Verleihung des Michel-Bréal-Preises an Gerald Schlemminger

Kurzmitteilung

schlemmingerProf. Dr. Gérald Schlemminger (Pädagog. Hochschule Karlsruhe) wurde ausgezeichnet für seine langjährige und erfolgreiche grenzüberschreitende Arbeit, insbesondere für sein Engagement bei der Einführung des trinationalen Masterstudiengangs ,Mehrsprachigkeit’. Den Preis verleihen die Michel-Bréal-Gesellschaft und die Josef-David-Stiftung, beides Organisationen, die sich nicht zuletzt die Förderung der deutsch-französischen Zusammenarbeit zum Ziel gesetzt haben. Die Laudatio hielt Oberbürgermeister Hans-Dieter Schlimmer. … m e h r

Schlemminger, Gérald (Hrsg.) (2008): Erforschung des bilingualen Lehrens und Lernens. Forschungsarbeiten und Erprobungen von Unterrichtskonzepten und -materialien in der Grundschule. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren (= Sprachenlernen Konkret! Angewandte Linguistik und Sprachvermittlung, Bd. 8), 174

Schuldruckwerkstatt an der Uni in Bielefeld eröffnet

In der Lernwerkstatt der AG3 der Uni Bielefeld – Fakultät für Erziehungswissenschaften – ist schon seit November 2012 eine Druckwerkstatt eingerichtet. Die kann man auch über das Internet besuchen: ag3/lernwerkstatt/Schuldruckerei. AnsprechpartnerInnen sind JProf. Dr. Michael Ritter und Dr. Brigitte Kottmann. Michael Ritter war vorher an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und hat dort im Archiv für Kindertexte bei Prof. Dr. Eva Maria Kohl geforscht.

Lesenswert dazu auch der Vortrag von Michael Ritter: Drucken von gestern in der Schule der Zukunft

    Man bedenke, zu dieser Zeit war das gedruckte Wort etwas Besonderes; seine Herstellung dem einfachen Menschen nicht möglich. Es verband sich dadurch eine Autorität und ein Herrschaftsanspruch damit, den Freinet in seiner freiheitlichen Pädagogik aufzulösen versuchte. Für ihn war das Drucken einerseits eine Möglichkeit, die Texte der Kinder aufzuwerten und dem eigenen Tun damit nachhaltig Bedeutung zu verleihen; was wiederum positiven Einfluss auf die Haltung der Kinder dem Lernen gegenüber ausüben sollte. Andererseits verstand er in dieser Arbeit jedoch auch eine aktive Demokratieerziehung, denn er wollte Kindern die Machart des Gedruckten vor Augen führen und damit ihren formimmanenten Geltungsanspruch in Frage stellen. Kinder sollten sich als Träger einer äußerbaren Meinung erleben, die sich in den Formen der Herrschenden, im gedruckten Wort kommunizieren lassen.”

Die Druckerei ist also bei Célestin Freinet keine reformpädagogische Mode gewesen, sondern war Mittel zur Demokratieerziehung. Ziel war nicht eine handwerkliche Ausbildung im Drucken, sondern die Möglichkeit eigenen Texten den Status von Gedrucktem zu verleihen. Sie sollten selbst erleben, wie sich die Wertigkeit ihre eigenen Texte in der Wahrnehmung veränderte, wenn Handschriftliches – noch ungelenke Kinderschrift – sich in einen ordentlichen, offiziell wirkenden Text wandelte. Gleichzeitig konnten die Kinder selbst die Wirkung des Textes durch die Gestaltung des Textes: Schriftgröße, Verzierungen, Anordnung des Textes auf dem Blatt, Verwendung von farbigem Papier oder Variation der Druckfarbe usw. beeinflussen.

Ganz nebenbei wurde in gemeinsamen Gesprächen in der Klasse am Text gefeilt. Es wurde an der Verständlichkeit und am Ausdruck gearbeitet: Was war gemeint, was wollte der Autor sagen, worauf kam es ihm an? Der Text wurde zugespitzt, die wesentliche Aussage auf den Punkt gebracht, Fehler wurden verbessert, über die Gestaltung diskutiert.

Dieser intensive Umgang mit dem Text ‘entschleunigte’ den Weg an die Öffentlichkeit. Die Textmenge reduzierte sich alleine schon dadurch, dass jeder Buchstabe einzeln gesetzt werden musste – so wurden ‘Bleiwüsten’ wirkungsvoll eingedämmt. Die Diskussion um die Aussage eines Textes erzwang es, genau hinzuhören. Vorschläge zur Verbesserung mussten vom Autor akzeptiert werden – es ging ja um seinen Text. Ungereimtheiten oder Denkfehler hatten kaum eine Chance, diesen Prozess unerkannt zu durchlaufen. Statt: ‘Warum schreibst Du nicht …” lautete die Frage: ‘Könnte man das so ausdrücken …’. Hinterher wusste auch der Autor genauer, wie er seine ‘Meinung’ formulieren wollte – nicht weil jemand ihm diese übergestülpt, sondern weil er sich mit ihr gründlich auseinandergesetzt hatte.

Gute Gründe für das Sitzenbleiben???

Versuch einer Einordnung.

“Es gibt noch keine Methode, Sitzenbleiben überflüssig zu machen” – fett eingerückt in der Mitte des RP-Artikels wirkt diese Aussage wie eine Lesehilfe. Es ist keine Berichterstattung, sondern ein populistischer Kommentar. Wer im Internet nach Leserbriefen zu solchen Artikeln sucht und diese auch liest, fragt sich unweigerlich: “War da nicht was? Inklusion – oder so was?” Doch das Wort Inklusion kommt auch gar nicht vor. Die Reaktion wittert Morgenluft – das Imperium der Leistungsgesellschaft schlägt zurück.

Frank Vollmer hat sich Mühe gegeben. Es fehlt (fast) nichts. Die prominenten Namen derer, die trotz einer “Ehrenrunde” weit gekommen sind: Wulff, Bulmahn, Steinbrück (wegen Mathe – und wurde doch Finanzminister – mit Ausrufezeichen in Klammer), Scholl (Fußballprofi), Kerner (TV-Star).

Ganz klar: Dieses Ziel – Abschaffen des Sitzenbleibens – kann selbstverständlich ‘nur langfristig erreicht’ werden.

Die Liste der Spötter und Gegner ist lang: Josef Kraus (Lehrerverbandspräsident: ‘Abitur-Vollkasko-Garantie’), Jürgen Böhm (Chef der Vertretung der Realschullehrer: ‘leistungsfeindliche Einstellung’), Ludwig Spaenle (Bayrischer Kultusminister: ‘pädagogischer Populismus’), Dieter Neumann (Bildungsforscher der Uni Lüneburg: ‘Es gibt kein belastbares empirisches Ergebnis, dass längeres gemeinsames Lernen heterogener Gruppen zu besseren Ergebnissen führt’). Bemüht wird auch das Max-Plank-Institut. Es stellt fest: ‘Bessere Noten bei Wiederholern’.

Dieter Neumann wird in Anspruch genommen: Ohne Sitzenbleiben drohe zudem ein Verfall des Anforderungsnivaus vor allem am Gymnasium. Auch werde die stigmatisierende Wirkung des Verbleibs in der Klasse unterschätzt – Kinder seien nicht so sozial, wie immer unterstellt werde.

Statistisch wird in einem Kasten informiert: Im (Bundes-)Schnitt blieben 22010/11 2 % (= 163.400) SchülerInnen sitzen. Mehr Jungen als Mädchen. Die meisten an der Realschule (4,3 %) und in Bayern (3 %). In NRW sei die Quote der Sitzenbleiber von 2002 (3,1 %) bis 2011 auf 2,1 % gesunken.

Auch das bundesweite Feindbild ist schnell konstruiert: Rot-Grün: Niedersachsen, NRW, Hamburg – eine handvoll Bundesländer. Vergessen wurde Berlin (ganz abgeschafft), Rheinland-Pfalz (in der Grundschule abgeschafft), Thüringen (nur alle 2 Jahre), Bremen (alle werden von der 1. Bis zur 8. Klasse versetzt) und das Saarland (hier gibt es an Gesamtschulen keine Sitzenbleiber).

Bild meldet in diesem Zusammenhang zwei Tage später, dass sich die Zahl der Sitzenbleiber in den letzten 10 Jahren halbiert hat.

Dem Philologenverband wird von Frank Vollmer bescheinigt, dass er solch ‘linker Anwandlungen’ zwar unverdächtig sei. Der Verband habe zwar angeregt, die Zahl der Klassenarbeiten mit Blick auf die Belastung der LehrerInnen zu reduzieren. Ob er sich aber nun konkret für oder gegen das Sitzenbleiben ausspricht, bleibt unklar.

Auch das Kostenargument fehlt nicht: Bertelsmann habe nachgerechnet: 2009 mussten für Sitzenbleiber 931.000.000,- (neunhunderteinunddreißig Mio) Euro aufgewandt werden.

Das sind pro Sitzenbleiber knapp 5.700,- Euro. – Stimmt nicht ganz, weil die Zahl der Sitzenbleiber von 2010/11 von mir hier mit den Kosten von 2009 verrechnet wurden. NRW hat also 2009 ca. 360 Mio. für seine Sitzenbleiber ausgegeben. Hätte man dieses Geld direkt für die Sitzenbleiber ausgegeben, so hätten für jeden pro Monat mehr als 450,- Euro an Fördermitteln bereitgestanden. Die Zahl der gefährdeten Schüler ist natürlich größer. Aber: Ein Gymnasium mit 1000 Schülern hätte bei ca. 20 Sitzenbleibern also ca. 9.000,- Euro pro Monat für zusätzliche Fördermaßnahmen frei, eine Realschule mit 400 Schülern könnte bei 4,3 % Sitzenbleibern mehr als 7.500,- Euro jeden Monat aufwenden.

Was doch fehlt:

Solche Rechnungen macht Frank Vollmer freilich nicht auf. Er fürchtet eher den Verfall der Leistungskultur an den Schulen. Wieso er allerdings so betont, dass ein wiederholtes Jahr in dieser Leistungskultur eine ‘Ehrenrunde’ sei, erklärt er nicht.

Und: Wie hat man das Zurückgehen der Sitzenbleiber um die Hälfte in 10 Jahren zu interpretieren? Ist die Leistungskultur etwa schon ausgehöhlt? Ist sie auch um 50 % zurückgegangen? Oder hätte man die Zahl der Sitzenbleiber nicht statt dessen drastisch steigern müssen, um die Qualität des Deutschen Schulsystems zu optimieren?

Diese Artikel unterschlägt auch vollkommen, dass dem deutschen Bildungssystem bescheinigt wird: Es sei nicht so sehr die Leistung für den Schulerfolg verantwortlich, sondern vor allem die soziale Herkunft. Leistungsselektion sei in Wahrheit soziale Selektion – sie wird aber ausschließlich als Leistungsselektion verkauft. Eben weil dieser Zusammenhang gar nicht erwähnt wird – eine vorsätzliche journalistische Desinformation – braucht sich Frank Vollmer auch keine Gedanken darum zu machen. Schlimm ist eigentlich nur, dass durch diese fehlenden Informationen auch den LeserInnen solche Gedanken erspart werden.

Man fragt sich, in welcher Hinsicht sich bei Frank Vollmer die Leistungskultur bezahlt gemacht hat.

Schuldruckerei II

Die belgische Legende


Der Reformpädagoge Ovide Decroly hat in seiner berühmten Reformschule L’Eremitage ebenfalls schon mit einer Schuldruckerei experimentiert. Schon 1908 gibt eine Gruppe 12 bis 13-jähriger Kinder eine schuleigene Zeitung heraus. Die damalige Schulleitung unterstützt dieses Unternehmen. Decroly ist es wichtig, die Interessen der Kinder zu respektieren. Und diese träumen “von einer selbstgedruckten Zeitung.” (Hagstedt, S. 88) Den Kindern wird ein “ein alter Schuppen auf dem Schulgelände zugewiesen” (Ebenda), sie schreiben zunächst auf Schreibmaschinen und vervielfältigen ihre Zeitung mit einem Umdrucker. Ein Schülervater, Drucker, macht den Kindern das Angebot, die Zeitung richtig zu drucken. Bis 1913 erscheinen 132 Ausgaben des Schulechos, wie die Kinder ihre Zeitung getauft haben. (Vgl. ebenda)

Die Kinder wollen aber ihre Zeitung auch selbst drucken. Es entstehen eine Zeitungs-AG und weitere Arbeitsgemeinschaften, die der Schülerzeitung zuarbeiten. Das Zeitungsprojekt hat das Potential, die gesamte Unterrichtsarbeit zu organisieren. Aber die Schulleitung will klar trennen: die eigentliche Unterrichtsarbeit und schülerinitierte Projekte.

Freinet kritisiert jedoch nur, dass Zeitungsmachen nur etwas für wohlhabende Schulen ist: Die Druckerei ist “zu teuer für die bescheidenen öffentlichen Schulen und viele selbstgesetzte Schulzeitungen erscheinen nur einmal monatlich.” (Hagstedt, S. 89) Freinet will die Druckerei alltäglich in der Klasse einsetzen. (Freinet, 1996, S. 72)

Die deutsche Legende (Hans Jörg, Dieter Adrion)

Die Legende beginnt mit der Darstellung des Auftritts Freinets auf dem internationalen pädagogischen Kongress 1928 in Leipzig. Hans Jörg berichtet: “In einer kleinen Ausstellung zeigt er (Freinet) seine Druckerpressen, seine Arbeitsmittel und ausgesuchte Schülerarbeiten. Viele deutsche Lehrer zeigen ein so starkes Interesse für die Schuldruckerei, dass Freinet sämtliche Pressen in Deutschland zurücklässt.” (Jörg, 1965 S. 190 und noch 1986). Bei Dieter Adrion ließt sich das so: “dass deutsche Lehrer ihrem französischem Kollegen Célestin Freinet auf dem Kongress des Leipziger Lehrervereins 1928 die Klappflügelpressen aus der Hand gerissen haben”. (zitiert nach Hagstedt, S. 90)

Im Kongressbericht findet sich davon nichts. Freinet – mit Élise – war zwar in Leipzig auf dem Kongress und hat auch einen Vortrag über ‘Disziplin’ gehalten – die Schuldruckerei kam “direkt gar nicht vor” (Hagstedt, S. 90).

Freinet hat schon vor 1921 Kontakt mit den Reformpädagogen in Hamburg. Max Tepp hat dort ein Buch über die Hamburger Schulrevolution in Form fiktiver Gespräche mit skeptischen Schuleltern veröffentlicht. Freinet übersetzt mit H. Siemss dieses Buch ins französische. Es erscheint 1920 – noch vor all seinen eigenen Veröffentlichungen. Als Freinet wieder nach Hamburg kommt, hat Max Tepp jedoch die ‘Wendeschule’ schon verlassen. “Ob Freinet schon in den Hamburger Versuchsschulen Schuldruckereien in Betrieb gesehen hat, ist nie untersucht worden” (Hagstedt, S. 90) – aber Freinet berichtet 1926, dass es in Deutschland eine ‘Vielzahl’ von Schuldruckereien gibt. (Vgl. ebenda)

In Leipzig wurde jedenfalls schon 1910 die “Beschaffung einer Tiegelpresse bewilligt” (Pehnke, 1998, S. 21). Auch an der Ostern 1921 eröffneten ‘Connewitzer Versuchsschule’ war “eine Tiegeldruckpresse mit Setzkasten” (Riedel, 1922, S. 33f, in: Pehnke, 1998) vorhanden. Hagstedt berichtet von weiteren Druckereien an deutschen Versuchsschulen.

Gerald Schlemminger ergänzt:

“Schließlich experimentieren viele französische LehrerInnen mit neuen Techniken und Unterrichtspraktiken. René Daniel erarbeitet mit seinen 92 Schülern in Trégunc (Finistère) schon seit 1921 freie Texte und polykopiert sie Mithilfe von Gelantineplatten. Ein anderer gewerkschaftlich organisierter Bretone, Jean Cornec, macht schon zu Beginn der 20er Jahre mit seiner Klasse Erkundungen außerhalb der Schule, druckt und führt Gruppenarbeit und Filmvorführungen in seiner Klasse ein. Auf internationaler Ebene werden auf den Treffen und Kongressen ähnliche Experimente, so die deutsche Praxis des freien – künstlerischen – Ausdrucks (A. Lichtwark), des freien Aufsatzes (P. G. Münch, A. Jensen, W. Lamszus…), die Schulgazetten, die der polnische Arzt Janus Korczak in seinem Waisenheim mit den Kindern herstellt, u.v.m. diskutiert.”

Literatur: Schlemminger, Gerald (2001): Zur Biographie Célestin Freinet und Entwicklung und Grundzüge seiner Pädagogik, in: Hansen-Schaberg, Inge und Schonig, Bruno (Hrsg.) (2001): Freinet-Pädagogik. Reformpädagogische Schulkonzepte, Bd. 5, Baltmannsweiler, S. 9-51; hier: Internetveröffentlichung S. 3, Aufgerufen am 21.8.2012 um 15:11 Uhr:
Zur Biographie Célestin Freinet …

Hagstedt fasst zusammen: Freinet hat die Schuldruckerei in die Regelschule übertragen. Seine Idee ist es gewesen, sie auf Klassenebene zu nutzen, z.B. für die Klassenzeitung oder die Klassenkorrespondenz. Ebenso war es seine Idee das ‘Cahier de vie’ mit seinen freien Texten zu drucken. Freinet hat somit die zeitlich früheren Ansätze von Ferrière, Gansberg, Decroly und Robin zusammenführen können. (Hagstedt, S. 95)

Fortsetzung folgt

Schuldruck überarbeitet

Nachdem die Seiten schon mit Google gefunden wurden:

Die Seiten zur Schuldruckerei wurden vollkommen überarbeitet

schuldruckseite

Schuldruckseite bei freinet.paed.com

Die URL lautet http://freinet.paed.com/freinet/frdruck.php

Informationen über den Schuldruck an deutschen und schweizer Universitäten und Pädagogischen Hochschulen, an Schulen, in Museen, mit Praxistips, mit speziellen Internetadressen zum Schuldruck, mit Bezugsquellen für Schuldruck-Materialien, mit Videos und Audios von Kindertexten, der Kategorie Schuldruck im Blog hier und natürlich jede Menge Literaturhinweise.

Besonders sollte darauf hingewiesen werden, dass auch der Schuldruck in der Schweiz vorgestellt wird.

Auf Google-Maps finden sich alle (?) oder zumindest fast alle Einrichtungen, die im Internet recherchiert werde konnten und die einen Bezug zum Schuldruck haben.

Sehr interessant ist die Forschungsstelle zu Kindertexten an der Martin-Luther-Universität in Halle. Frau Prof. Dr. Eva Maria Kohl hat in einem Archiv über 100.000 freie Kindertexte zusammengetragen, die nun Gegenstand der Forschung sind.

Aber stöbern Sie selbst und lassen Sie sich überraschen.

Demnächst steht möglicherweise die aktuellste wissenschaftliche Arbeit – eine Masterarbeit von Cristina Müller von der Universität Osnabrück zur Verfügung. Sie hat eine Schulklasse bei der Anfertigung eines Buches über Fledermäuse begleitet und diesen Prozess zum Gegenstand ihrer Masterarbeit gemacht.

Recherche in überregionalen Tageszeitungen nach Freinet

Durch einen Artikel in der NWZ-Online zum Freinet-Kindergarten in Prinzhöfte angeregt, ergab eine Abfrage bei dieser Zeitung seit 2010 dreiundvierzig (43) zum Stichwort Freinet.

Wer nachlesen möchte, hier die Übersicht bei der NWZ:

NWZ-Online: Freinet

Nun hatte ich Geschmack an der Sache gefunden und habe einmal überregionale deutschsprachige Zeitungen im Internet durchforstet, immer zu dem Stichwort “Freinet”. Dann auch noch weitere Zeitungen. Hier die Ergebnisse:

Die deutschsprachigen Pressemeldungen finden sich zum Anklicken im Archiv

Deutschland:

Die Zeit: 14 Ergebnisse
Süddeutsche Zeitung: 0 Ergebnisse
FAZ: 0 Ergebnisse
FR: 0 Ergebnisse

Schweiz:

Neue Züricher Zeitung: 1 Ergebnis
Le Temps: >> Bitte in Recherches ‘Freinet’ eingeben (ohne Hochkommata): 16 Ergebnisse
Tagesanzeiger: 0 Ergebnisse
Aargauer Zeitung: 0 Ergebnisse
Baseler Zeitung: 0 Ergebnisse
Berner Zeitung: 0 Ergebnisse
Der Bund: 0 Ergebnisse
Südostschweiz: 0 Ergebnisse

Österreich:

Der Standard: 1 Ergebnis
Die Presse: 3 Ergebnisse
Kurier: 0 Ergebnisse
Salzburger Nachrichten: 4 Ergebnisse
Wiener Zeitung: 2 Ergebnisse

Luxemburg:

Luxemburger Wort: 0 Ergebnisse
Tageblatt: 0 Ergebnisse
Lëtzebuerger Journal: 0 Ergebnisse

Nicht-deutschsprachige Länder / überregionale Tageszeitungen

Dänemark

Berlingske Tidende: 3 Ergebnisse
Politiken: 0 Ergebnisse
Morgenavisen: 0 Ergebnisse

Frankreich

Le Figaro: 25 Ergebnisse
Le Monde: 159 Ergebnisse
Libération: 1 Ergebnis
l’Humanité: 96 Ergebnisse

Großbritannien

Daily Telegraph: 0 Ergebnisse
The Times: 0 Ergebnisse
The Guardian: 0 Ergebnisse
The Independent: 0 Ergebnisse