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Freinet-Pädagogik


Freinet - des is was für olla Kinder

Lothar Klein

Freinet-Pädagogik in Wiesbaden
(Teil 4 / 1991-1997)

Auch ins nächste Jahrtausend mit Freinet?

Montag, der 12. Mai 1997: Zum ersten Mal treffen sich die 22 Teilnehmerinnen der ersten fünfwöchigen Weiterbildung zur Freinet-Pädagogik in Wiesbaden, organisiert vom Verein Kinderbauernhof e.V. Darunter sind der Abteilungsleiter Harald Engelhardt, Kolleginnen aus Dresden, aus Zwickau, aus Oederan in Sachsen sowie aus Dietzenbach und Ludwigshafen. Alle sind gespannt. Es ist der erste Tag der längsten Weiterbildungsmaßnahme, die es zur Freinet-Pädagogik überhaupt jemals gegeben hat. Die Erwartungen sind dementsprechend groß. Was daraus geworden ist, darüber können am besten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst Auskunft geben.

Als diese Weiterbildungsmaßnahme im März 1998 zu Ende ging, war klar, die Freinet-Pädagogik hatte in Wiesbaden auch sieben Jahre nach der Auflösung des Arbeitskreises zwar mit Blessuren, aber in der pädagogischen Praxis dennoch überlebt. Die ersten vier Freinet-Seminare nach langer Pause in den Jahren 1996 und 1997 hatten das bereits angedeutet.

Die Situation 1998

Aber es zeigte sich auch, daß sich in der Zwischenzeit immer weniger Erzieherinnen mit Freinets pädagogischen Grundgedanken befassen konnten. Mehr als die "Arbeitsmittel" der achtziger Jahre war bis dahin kaum noch bekannt. Abmeldetafel oder Wochenplan gelten da und dort noch heute bereits als Freinet-Ausweis.

Welches Bild vom Kind sich aber hinter Freinets Begriffen vom "entdeckendem Lernen", den "tastenden Versuchen", dem "freien Ausdruck", dem "entwicklungsförderlichen und anregenden Milieu", der "natürlichen Methode", den "Kindern das Wort geben" und dem "Bezug zum Leben" versteckt, war in Teams schon lange nicht mehr diskutiert und reflektiert worden. Ebenso erging es Fragen wie, was sich in der Zwischenzeit in der Freinet-Pädagogik verändert hat, ob Montessori- und Freinet-Pädagogik sich wirklich und wenn ja, in welcher Form vertragen, wer Freinet selbst eigentlich war, was die Freinet-Bewegung ist oder wie zeitgemäß die Freinet-Pädagogik heute im Jahr 1998 noch ist.

Inzwischen hat sich die Freinet-Pädagogik in Kindertagesstätten längst über Wiesbaden hinaus verbreitet. Im Saarland gibt es zwei Freinet-Kindergärten, die einen ganz eigenen Weg gehen. In Dresden, Zwickau, Leipzig, Chemnitz und anderen Orten in den neuen Bundesländern wird Freinet-Pädagogik diskutiert und praktiziert. Ebenso um Offenbach und Hanau herum, in Augsburg und einer Reihe von anderen Orten in Rheinland-Pfalz und Bayern. Neuerdings auch in anderen hessischen Orten sowie in Hannover, Hamburg, Braunschweig oder Mannheim. Das Interesse an der Freinet-Pädagogik ist stark angewachsen. Ich hoffe, daß auch Herbert Vogt und ich mit unserem Buch zur Freinet-Pädagogik1 dazu beigetragen haben.

Wiesbaden hat bundesweit noch immer eine besondere Vorreiter-Rolle. Dazu haben viele Erzieherinnen beigetragen. Aus vielen anderen Orten kommen Besucherinnen und Besucher und interessieren sich für die Praxis der Freinet-Pädagogik an ihrem Ursprungsort. Einen Höhepunkt soll die Veranstaltung mit dem Titel "Kindertageseinrichtungen entdecken Freinet." am 13. November 1998 werden. Ich hoffe, daß am Tag zuvor, am 12. November viele Wiesbadener Einrichtungen mit Freinet-Pädagogik ihre Türen für Besucherinnen und Besucher aus anderen Städten öffnen werden.

Es ist also an der Zeit, sich Gedanken über die Zukunft der Freinet-Pädagogik zu machen. Ich möchte hier damit beginnen.

Sind die Techniken das Wesen der Freinet-Pädagogik?

Ich glaube, dieser Frage müssen wir uns heute mehr denn je und selbstkritisch stellen. Mehr denn je deshalb, weil im Unterschied zum Jahr 1980 Freinets und auch Montessoris Bild vom Kind als handelndes Subjekt und Gestalter der eigenen Entwicklung inzwischen in der pädagogischen Diskussion unwidersprochen gilt. Für das pädagogische Verhältnis zwischen Kind und Erwachsenen gibt es mittlerweile einen auf breiter Basis anerkannten Begriff, den der Kindzentrierung. Freinet-Pädagogik kann nur dann einen Platz in der heutigen pädagogischen Landschaft einnehmen, wenn sie eben diese Kindzentrierung nachweist. Diesem Anspruch müssen alle praktischen Umsetzungsformen genügen.

Selbstkritisch müssen wir uns fragen, ob sich nicht im Laufe der Zeit Techniken und Methoden verselbständigt haben. Einige sind auch fast völlig verschwunden, ohne, daß darüber gesprochen worden wäre: Projekte, Dokumentensammlungen oder Arbeitsbesprechung. Innovative Veränderungen gelangen eigentlich nur in Werkstätten. Sie wurden z.B. für ganz kleine Kinder geöffnet. In Bezug auf den Einsatz von Computern als Mittel zur Korrespondenz und Kommunikation werden zur Zeit allerdings neue Wege beschritten.

Ein Wiesbadener Hortarbeitskreis hat im Februar 1998 eine Umfrage unter sechs Kindertagesstätten durchgeführt und festgestellt, daß Abmeldetafeln, Wochenplan, Gruppenkasse und Korrespondenzen in allen sechs, Benutzerbücher, Bücherei, Gruppenbesprechung und Gruppensprecherinnen, Werkstattdiplome in fünf, die Wandzeitung in vier der befragten Horte existieren. Arbeitsbesprechung, Arbeitskarteien, Dokumentensammlung, Werkstatträte, Kinderrat sind nur als Ausnahme vorfindbar.

Was aber heißt: "Es gibt bei uns dies und das."? Vor welchem Hintergrund, mit welchen Zielen? Aus Erfahrung wissen wir, daß alle diese Techniken2 von Erwachsenen leicht auch mißbraucht werden oder einfach erstarren können und damit nutzlos werden. So mancher Wochenplan taugt beispielsweise heute lediglich als überdimensionierter Wandschmuck, so manche Gruppe hat ihre Gruppenbesprechungen (fast) aufgegeben. Abmeldetafeln dienen heute an einigen Orten mehr der Kontrolle durch Erwachsene als der Hilfe zur selbständigen Eroberung des Lebensraumes Kindertagesstätte.

Paul Le Bohec, ein franz. Freinet-Pädagoge hat 1996 zum hundertsten Todestag Freinets festgestellt: "In meiner Klasse habe ich alle Freinettechniken ausprobiert. Nach einem Jahr hatte ich eine Schülerzeitschrift, die Druckerei, die Korrespondenz und eine kooperative Organisation des Klassenlebens. Später, um ein Experiment zu machen, habe ich das alles wieder weggelassen. Was fehlte uns, mir und den Kindern? Nichts! Im Gegenteil! Wir sind in der Arbeit weitergekommen...Lehrer und Lehrerinnen sind auf Fortbildungen sehr an den Freinettechniken interessiert. Ich habe den Eindruck, daß zwar viele Lehrer mit den Techniken arbeiten, aber nicht unbedingt mit den Kindern. "3

Mir scheint, daß manchmal auch deshalb an den "alten" Techniken festgehalten wird, weil es zu wenig Möglichkeiten zum Austausch darüber gibt, was das Unverwechselbare der Freinet-Pädagogik eigentlich ist und deshalb Veränderungen der Methoden zugleich der Verdacht einer möglichen Abschaffung der Freinet-Pädagogik anhaftet.

So fällt es manchmal schwer, Techniken und Verfahrensweisen eindeutig als Freinet-Pädagogik identifizieren zu können. Daß an der Wand ein Wochenplan hängt oder Kinder sich mit Abmeldetafeln abzumelden haben, hat erst einmal nichts mit Freinet zu tun. Jeder andere hätte diese "Erfindungen" machen können. Auch Kinderkonferenzen, wir nennen sie Gruppenbesprechungen, gibt es z.B. seit langem im Situationsansatz.

In unserem Buch haben wir deshalb betont, daß Freinet-Pädagogik mehr als eine Methode ist. Sie ist, so meine ich, vor allem ein modernes kindzentriertes Konzept. Wenn dies stimmt, muß sie folgende Kriterien überprüfbar in der Praxis einlösen. Sie muß:

* von den Bedürfnissen und Interessen sowie dem Rhythmus des einzelnen Kindes und nicht der Erwachsenen ausgehen, * die subjektiv erlebte Gegenwart des Kindes wahrnehmen und gestalten, * auf die Kräfte des Kindes vertrauen, seine Persönlichkeit wertschätzen, * die Entwicklungsbedingungen und -gesetzmäßigkeiten des Kindes zur Grundlage der pädagogischen Arbeit machen, * das erwachsene Vorauseilen, Besserwissen und Beherrschen zurücknehmen und * mit dem Kind einen Dialog führen.

* Ich möchte ausdrücklich dazu auffordern, im Zusammenleben mit Kindern immer wieder neu nachzuforschen, wie weit diese Ansprüche umgesetzt sind. Das schließt eine kritische Reflexion der "Arbeitsmittel" mit ein: sie müssen Kindzentrierung bewirken und dürfen sie nicht behindern.

Austausch und Weiterentwicklung ohne Arbeitskreis?

Darüber und dafür brauchen Erzieherinnen einen andauernden Dialog. Freinet-Pädagogik als lebendige, sich im konkreten ständig verändernde Pädagogik, setzt den regelmäßigen Austausch unbedingt voraus. Sollte also der alte Arbeitskreis wieder reaktiviert werden?

Ich glaube, daß dies nicht mehr möglich und auch nicht sinnvoll ist. Im dritten Teil dieser Reihe habe ich bereits auf die guten und etwas anderen Erfahrungen aus Reggio verwiesen, die sich vor allem durch die enge Verknüpfung von Fortbildung, Beratung, Erfahrungsaustausch und Weiterentwicklung der Pädagogik auszeichnet4.

Noch in diesem Jahr soll eine Jahreslerngruppe zur Freinet-Pädagogik beginnen5. Dies kann eine gute Möglichkeit sein, verschiedene praktische Erfahrungen zusammenzutragen und auf dem Hintergrund kindzentrierter Grundhaltungen und Freinets pädagogischen Zielsetzungen (durchaus auch neu) zu betrachten. Außerdem soll im März 1999 eine Neuauflage der fünfwöchigen Weiterbildung "Freinet-Pädagogik" starten6. Und, wie erwähnt, ist vielleicht der 13. November der erste Schritt hin zu einer Vernetzung über die Grenzen Wiesbadens hinaus.

Ich möchte an dieser Stelle kein Modell entwerfen, wie in Wiesbaden in Zukunft die Weiterentwicklung der Freinet-Pädagogik auch organisatorisch und institutionell abgesichert werden kann. Zwar bin ich fest davon überzeugt, daß sie neue Organisationsformen braucht und glaube, daß diese nach und nach auch wieder entstehen können. Die konkreten Formen werden aber wohl die Beteiligten selbst (er)finden - und beteiligt sind alle, die am "Wiesbadener Modell" mitwirken.

Freinet und Montessori - verträglich oder nicht oder nur teilweise?

Eine weitere Wiesbadener Besonderheit ist das Nebeneinander der Freinet- und der Montessori-Pädagogik. Mein Eindruck ist, daß es zur Zeit leider auch nicht mehr als ein Nebeneinander ist: An der Wand hängt die Abmeldetafel und im Regal liegt die braune Treppe.

Als sich Wiesbadener Kindertagesstätten in den achtziger Jahren daran machten, die Freinet- und die Montessori-Pädagogik für sich zu entdecken, konnten noch beide fein säuberlich getrennt voneinander behandelt werden. Montessori war die Entdeckung für den Kindergarten, Freinet die Pädagogik für den Hort. Erst im Laufe der Zeit haben sich, besonders durch die Kindergemeinschaftsgruppen, die Grenzen verwischt und müssen nun neu bestimmt werden.

Die eigentlich notwendige Arbeit, das Gemeinsame und die Unterschiede beider reformpädagogischer Ansätze trennscharf herauszuarbeiten, ist, glaube ich, noch nicht getan. Was noch aussteht, ist die Überwindung des Nebeneinanders und die Integration beider Ansätze. Als hilfreich dafür, quasi als Meßlatte für beide Konzepte (und darüber hinaus), könnte das Konzept der Kindzentrierung dienen. Darüber, wie kindzentriert die eigene Praxis ist, brauchen wir einen regelmäßigen und breiten Austausch.

Darüber hinaus glaube ich, daß die Aufgabe Freinet und Montessori zu einem integrierten Konzept werden zu lassen, am leichtesten mit Hilfe von außen zu bewältigen wäre. Wir Wiesbadener identifizieren uns, seien wir ehrlich, mit unseren beiden Konzepten so stark, daß es uns schwerfällt, auch deren jeweiligen Begrenzungen und Mängel zu sehen. Das aber wäre doch notwendig, wenn es darum geht, die beste kindzentrierte Arbeit zu machen. Deshalb glaube ich auch, daß sowohl Freinet- wie Montessori-Pädagoginnen viel von ganz anderen Konzepten profitieren könnten. Ich möchte speziell nennen die Pädagogik aus Reggio-Emilia / Italien, den Situationsansatz und die sogenannte "offene Arbeit".

Mein persönliches Resümee

Sechzehn Jahre sind es nun her, daß ich der Freinet-Pädagogik das erste Mal begegnet bin. Heute weiß ich, sie hat mich tief beeinflußt und geprägt. Ich möchte diese Serie mit einem der Beispiele beenden, die mir im Laufe der Jahre etwas von der subjektiven Gegenwart der Kinder verraten haben :

Es ist März, draußen regnet es. Die siebenjährige Clara sitzt an einem Tisch und bemalt ein Plakat großflächig grün an. Sie ist so vertieft, daß sie überhaupt nicht merkt, wie sie immer wieder mit ihrem Buntstift über den Rand gerät. Eine Unterlage zu nehmen, hat sie nicht vergessen, es gibt in der Gruppe einfach keine in dieser Größe.

Die Erzieherin, die dies sieht, weist Clara aber nicht darauf hin, sondern läßt sie gewähren. Auch die Erzieherin ist fasziniert. Sie wird von Claras Arbeit angezogen. Was macht sie wohl, fragt sich die Erzieherin und spürt bei sich Neugierde und auch so etwas wie Forscherdrang. Sie möchte herausbekommen, was Clara vor hat.

Das Kind macht es ihr leicht. Zwar dauert es sehr lange, bis Clara endlich mit ihrem grünen Blatt zufrieden ist und inzwischen ist auch der Tisch schon ziemlich grün, aber nun passiert etwas. Clara läßt ihr Blatt liegen und geht zielstrebig auf ein Regal zu. Dem entnimmt sie eine Tasse und einen Teller.

Tasse und Teller mit einer Hand balancierend, in der anderen das grüne Plakat, verläßt sie schließlich den Gruppenraum, um sich im Flur bequem niederzulassen. Dort will sie ein Picknick machen. Die grüne Wiese bringt sie sich dafür selbst mit, alles andere besorgen ihr die Erzieherinnen.

Freinet nannte dies den "Hunger nach Leben", danach, eigenen Bedürfnissen zu folgen und dabei etwas ausprobieren zu dürfen. Kindern die Möglichkeit zu lassen, sich ihre Zukunft, vor allem aber ihre Gegenwart selbst zu gestalten, das ist Freinet-Pädagogik heute für mich vor allem. Darüber hinaus: den Kindern im umfassenden Sinne das Wort zu geben, kurz, in den Kindern die eigentlichen Experten für ihre Lage zu begreifen, als Erwachsener zu versuchen etwas von ihrer subjektiven Gegenwart zu erfassen und zu verstehen, ihnen also geduldig zuzusehen und zuzuhören. Schließlich: Den Lebensraum Kindertagesstätte im Dialog mit den Kindern gemeinsam zu gestalten statt mit unseren (gut gemeinten) Ratschlägen und Angeboten vorauszueilen.

Fußnoten:

  1. « Lothar Klein, Herbert Vogt: Freinet-Pädagogik in Kindertageseinrichtungen. Entdeckendes Lernen oder "Vom Hunger nach Leben", Freiburg, Herder 1998
  2. « früher sprachen wir von "Hortmitteln"
  3. « Paul Le Bohec: ...wenn man falsch anfängt, dann wird die Sprache nicht genug entwickelt. Über die Pädagogik von Elise und Célestin Freinet. In: Jochen Hering, Walter Hövel (Hrsg.): Immer noch der Zeit voraus. Kindheit, Schule und Gesellschaft aus dem Blickwinkel der Freinet-Pädagogik. Bremen 1996, S. 232 und 237
  4. « Vgl. Kita-Inform 2/98, S. 15f.
  5. « am 19. und 20. Oktober 1998
  6. « voraussichtlich in der Woche vom 22. - 26. März 99
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