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    Kommentar: April 2014 | Juni 2013 | Februar 2013 | September 2012 | Juli 2012


    Pressemeldung WAZ : 5.9.2012 von Ulf Meinke:

    Pädagogik vom Geldbeutel der Eltern her gedacht?


    Scharfer Wettbewerb der Schulen

    Der Markt der internationalen Schulen ist hart umkämpft. Mit der Klett-Gruppe ist nun der größte deutsche Bildungskonzern in NRW eingestiegen.
    http://www.derwesten.de/nrz/wirtschaft/internationale-schulen-liefern-sich-scharfen-wettbewerb-id7061398.html

    JG: Was liegt näher, als dass ein Bildungskonzern, bisher tätig auf dem Gebiet von Schulbüchern, Kinderbüchern bis zu aktiven Lernhilfen, auch selbst die Schule in die Hand nimmt. Ein neues Tätigkeitsfeld, auf dem man Synergieeffekte abschöpfen will. "Die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen wächst stetig" So der Kommentar von Karin Rehberger, Sprecherin des Klett-Konzerns, zur Übernahme der Internationalen Schule in Heiligenhaus.

    Gleich der nächste Absatz offenbart worum es wirklich geht: "In der Region buhlen gleich mehrere Bildungsanbieter um die Gunst zahlungskräftiger Eltern, die ihre Kinder auf englischsprachige Privatschulen mit internationalem Flair schicken wollen. ... Internationale Schulen gelten als Standortfaktor." Sie sind vor allem dort zu finden, "wo viele global agierende Konzerne tätig sind."

    Die Erziehung zum Offenen Weltbürger hat ihren Preis: 8.500,- bis 13.000,- € Schulgeld im Jahr. "Profitabel seien Schulen bei etwas weniger als 200 Kindern." Dass in der Anfangsphase von fünf bis sechs Jahren auch Defizite erwirtschaftet werden, ist eingerechnet.

    Man muss es klar sehen: 'Profitabel' aus der Sicht der Bildungskonzerne bedeutet, dass sich die †bernahme oder Gründung einer Schule auch für die Geldgeber rechnet. Die Kinder selbst sind uninteressant - es zählen die betuchten Eltern. Inwieweit hier auch die Profitmaximierung durchschlägt, ist dem Artikel nicht zu entnehmen.

    Dabei schreibt das Grundgesetz vor, da die Gründung von privaten Schulen ('in Freier Trägerschaft') durch den Staat garantiert ist, dass Kinder nicht über die Höhe des Schulgeldes vom Besuch der Schule ausgeschlossen werden dürfen. Art. 7 Abs. 4 GG verbietet die soziale Segregation von Schülern aus wirtschaftlichen Gründen.

    Ulf Meinke erwähnt, dass Fördervereine Stipendien vergeben. Ob das allerdings die soziale Segregation bei Schulgeldern in der genannten Höhe auffangen kann, wird im Artikel von Meinke nicht diskutiert und erscheint zweifelhaft.

    Auch eine private Schule muss allen Schülern offen stehen, ohne Rücksicht auf die wirtschaftliche Situation der Eltern. Die Beträge müssen so bemessen sein, dass sie nicht nur von gut verdienenden Eltern aufgebracht werden können. Die Genehmigung für eine private Schule ist zu versagen, wenn diese Bedingung nicht erfüllt ist.

    Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat in festgestellt (Erster Senat, 9. März 1994), dass Beträge in der Größenordnung von monatlich 85,- bis 95,- € verfassungswidrig sind, weil sie nicht von allen Eltern gezahlt werden können. Freiplätze bzw. Stipendien gewährleisten nach Ansicht des BVerfG nicht die allgemeine Zugänglichkeit. Allerdings hatten die Verfassungsrichter 1994 andere Schulen im Blick: Waldorf-, Montessori- und ähnliche Reformschulen. Die wiederum haben auch nicht so sehr den Profit im Visier, sondern die Pädagogik, die Schule von den Kindern her denken will - nicht vom Geldbeutel der Eltern.

    Interessant ist auch, dass die Genehmigung solcher Schulprojekte in den zuständigen Schulbehörden nicht auf die gleichen Hindernisse stoßen wie sie Eltern von alternativen Schulen antreffen. Die Liste der alternativen Schulgründungen, die erst per Gerichtsbeschluss genehmigt wurden, ist lang, sehr lang.

    Und das, obwohl die 'Konzernschulen' schon vor Jahren eine schlechte Presse hatten. Phorms schloss 2010 Schulen in Hannover und Köln, weil die staatlichen Zuschüsse nicht in der geforderten Höhe flossen. Klaus Lechner, Geschäftsführer der Phorms-Holding, erklärte schon damals dem Spiegel: "Unser Geschäftsmodell funktioniert an vielen Standorten wie München, Berlin oder Frankfurt, aber nicht in Niedersachsen - weil dort die öffentliche Hand nicht genug zuschießt."
    (Spiegel, 17.2.2012 - http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/privatschulkette-in-noeten-phorms-muss-erste-schule-schliessen-a-678561.html und Spiegel, 25.9.2006 - http://www.spiegel.de/spiegel/a-438790.html )

    Deutlicher geht's nicht: Nicht das Interesse am Kind, sondern das Interesse am Profit stehen hinter den Schulgründungen.

    Ganz anders in der Reformpädagogik. Dort ging es damals um Kinder und Jugendliche - wie man heute sagen würde - aus 'prekären Verhältnissen'. Célestin Freinet nahm SchülerInnen auf, die vor dem spanischen Bürgerkrieg geflohen waren, seine ersten SchülerInnen kamen aus Arbeiterfamilien in Paris. Deutsche Versuchsschulen entstanden in Arbeitervierteln, z.B. in Berlin und Hamburg. Paulo Freire entwarf seine Alphabetisierungskampagnen in Brasilien für Erwachsene, die in ihrer Jugend nie Schulen besuchen konnten. Selbst die Waldorfschulen, die von dem Industriellen Emil Molt, Kommerzienrat und Direktor der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik finanziert wurde, war eine Schule für die Kinder der bei ihm beschäftigten Arbeiter.

    Von diesem sozialen Selbstverständnis scheinen die Konzernschulen unberührt. Ausländer gibt es zwar genug: aus Norwegen, Italien, Brasilien, Australien, aus den USA - aber keine MigrantInnen. SchülerInnen aus den sogenannten 'gefährdeten Gruppen' (PISA) auch nicht. Es ist eine kleine, aber feine Elite pur.

    Ob es denn ein Vorteil - und wenn ja in welcher Hinsicht - für die Kinder sein wird, wird sich erst erweisen, wenn diese die Schulen verlassen haben und sich in Beruf und Leben bewähren müssen. Haben diese Konzernschulen einen Mehrwert, der über die finanzielle Seite hinausgeht? Insbesondere dann, wenn man die stark selektierte Schülerschaft und die soziale Stellung der Elternhäuser betrachtet?

    Auch wenn es mehr LehrerInnen bzw. Assistent Teachers in jeder Klasse gibt, auch wenn teure Technik wie Whiteboard und Laptop Standard ist - wird den SchülerInnen wirklich die Gelegenheit gegeben, das zu lernen, was sie selbst wichtig finden oder ist es letztlich doch nur ein personell verstärkter und technikgesättigter Unterricht nach altem Muster? Ulf Meinke geht mit keinem Wort darauf ein, wie es an diesen Schulen mit Auswahl und der Mitbestimmung in Bezug auf die Inhalte bestellt ist, ob die Lernmethoden selbst gewählt werden dürfen, ob und wie das soziale Miteinander von SchülerInnen und auch mit den LehrerInnen geregelt ist: Können die SchülerInnen selbst die Regeln aufstellen und auch wieder verändern, nach denen ihr Schulalltag abläuft und ihr Lernen organisiert ist? Gilt nach wie vor das Prinzip von Auslese und Konkurrenz? Hat Fördern nur deswegen einen anderen Stellenwert, weil ein deutlich erhöhter Personal- und Technikeinsatz gegeben ist?

    Welche Bedeutung hat es, wenn eine solche Schule mit auf diese Weise ausgelesenen SchülerInnen und einer solch engagierten Elternschaft stolz darauf ist, dass der ersten Abiturjahrgang im Vergleich mit allen Berliner Gymnasien den zweiten Platz belegt? (http://www.berlin-mitte.phorms.de)

    Heißt dass nicht, dass ein ganz normales Gymnasium mit dem dort üblichen SchülerInnen-Mix - nur ohne diese zusätzliche Personal- und Technikunterstützung - der Privatschulkette Phorms den Rang abgelaufen hat? Kocht man in den Konzernschulen vielleicht auch nur mit Wasser?

    Und wenn das so wäre, dann ist es nicht das Geld was fehlt, nicht die moderne Technik, nicht die engagierten Eltern - sondern eine Pädagogik, die vom Kind her denkt?! Die Kinder unterstützt, bei dem was sie lernen wollen und nicht zuschüttet mit dem, was sie nach Lehrplan bzw. dem Willen der LehrerIn lernen sollen? Die Kinder in dem bestärkt, was sie schon können und darin, dass ihre Lernwünsche ok sind.



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