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    Kommentar: April 2014 | Juni 2013 | Februar 2013 | September 2012 | Juli 2012


    Pressemeldung in der WAZ von Daniel Freudenreich am 11.6.2013

    Mehr Psychopillen gegen Stress???

    Zusammenschau von Arzneimittelreport Barmer GEK, Aussagen der TK und Medienberichten


    Bezugsartikel: WAZ

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    Im Kapitel 3.6. beschreibt der Arzneimittelreport der Barmer GEK die "Ambulanten Verordnungen von Antipsychotika bei Kindern und Jugendlichen":
      Ihrem Namen entsprechend wurden Antipsychotika (AP) ursprünglich überwiegend zur Behandlung psychotischer Störungsbilder eingesetzt. Weitere klassische Einsatzfelder von AP sind bipolare Störungen, sowie Tic-Störungen einschließlich des Tourette-Syndroms. Daneben werden seit Jahrzehnten insbesondere niedrig- und mittelpotente AP nicht nur in der Psychatrie, sondern auch vin vielen anderen Fächern z.B. zur Behandlung von Untruhezuständen oder Schlafstörungen eingesetzt. Der vielfältige Einsatz von AP in der Medizin, verbunden mit hohen Kosten insbesondere für neuere atypische AP, findet seinen Ausdruck auch darin, dass AP in Deutschland im jahr 2011 zu den vier umsatzstärksten Medikamentengruppen gehörten (BPI, 2012)

      Beim Einsatz von AP bei Kindern und Jugendlichen ergeben sich verschiedene Problemstellungen. Zum einen liegt nur für wenige dieser Substanzen eine Zulassung für das Kindes- und Jugendalter vor, sodass der sog. Off-labeluse, d.h. die Anwendung eines zugelassenen Arzneimittels außerhalb der im Rahmen der Zulassung genehmigten Anwendungsgebiete, ehr die Regel als die Ausnahme ist (Alessi-Severini et al. 2012; Leslie & Rosenheck, 2012). Zum anderen ist die Studienlage zur Wirksamkeit von AP in dieser Patientengruppe für die meisten Indikationen äußerst schmal und es fehlen insbesondere Studien zu langfristigen Effekten und unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) einer Behandlung mit AP (Seida et al. 2012; Ben Amor, 2012). Dies ist insbesondere angesichts der Tatsache, dass AP in der praxis oft über längere Zeiträume angewendet werden und das Gehirn in diesem Alter noch erheblichen Entwicklungen unterliegt unbefriedigend. Zudem gibt es Hinweise, dass im Kindes- und jugendalter manche UAW, wie z.B. signifikante Gewichtszunahme, häufiger auftreten as im Erwachsenenalter (Cohen et al. 2012; Corell, 2011). [...]

      In der Praxis werden AP auch z.B. bei Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Angststörungen eingesetzt, obwohl hierfür weder eine Indikation noch eine Leitlinienempfehlung vorhanden ist.[...]

      Bemerkenswert ist hierbei, dass ein Großteil der AP-Verschreibungen von ärzten der Primärversorgung und nicht von psychatrischen Fachärzen stammt.
    Insbesondere seien vor allem männliche Kinder und Jugendliche von 10 bis 19 betroffen (S. 162) Mädchen erhalten ehr Antidepressiva (S. 163).

    Tom Bschor von der Arzneimittelkommission der deutschen ärzteschaft begründet in der WAZ den starken Anstieg in der Verordnung von AP mit der gewachsenen Erfahrung der Mediziner mit AP - die Hemmschwelle sei gesunken - und mit der massiven Werbung der Pharmaindustrie für diese Medikamente. Ein Anstieg kinder- und jugendpsychatrischer Störungen sei jedoch nicht festzustellen. (S. 174) Trotzdem haben die SGA (Second Generation Antipsychotics, gemeint ist die zweite Medikamentengeneration) - Verordnungen um 129 % zugenommen - alle anderen Verordnungen nur um 41 %.
      "Diese Entwicklung ist angesichts gravierender unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UAW) (z.B. Gewichtszunahme, extrapyramidale Bewegungsstörungen, hormonelle Störungen, Herzrhythmusstörungen) und noch fehlender Langzeitdaten zu den neuen SGA ausgesprochen bedenklich." (S. 174)
    Im Barmer GEK Arzneimittelreport wird daher ein enges Monitoring bei jeder Verschreibung von AP gefordert. Diese Medikamente sollten nur von Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern bzw. Jugendlichen und einer qualifizierten Verlauzfsbeobachtung und -dokumentation verordnet werden dürfen.

    Im November des vergangenen Jahres meldete das aerzteblatt.de: Immer mehr Studeneten nehmen Psychopharmaka gegen Stress. Von 8,7 Tagesdosen im Jahr 2006 sei der Gebrauch auf 13,5 Tagesdosen im Jahr 2010 gestiegen. Erwerbstätige in dieser Altersgruppe bekamen 2010 im Schnitt "nur" 39 Prozent mehr verschrieben.

    Daraus lässt sich folgern, dass Schüler und Studenten ganz besonders dem Stress ausgesetzt sind. Das kann man nun mit gestiegenen Anforderungen des Arbeitsmarktes oder verkürzter Schulzeit bis zum Abitur erklären.

    Eine andere Erklärung ist die Art und Weise, wie an weiterführenden Schulen und inzwischen durch die Verschulung des Studiums auch an den Universitäten gelernt wird: Das was SchülerInnen bzw. StudentInnen lernen und wissen wollen, spielt immer weniger eine Rolle. Gelernt werden muss, was die LehrerIn im Schulalltag oder was im Modul im Studium vorgesehen ist. Lernen ist zunehmend eine mehr oder minder massive Gängelung junger Menschen, vorbei an deren Lern-Bedürfnissen. Statt lernen zu dürfen, was ihnen wichtig ist, was sie brennend interessiert, müssen sie lernen, was Andere für sie vorgedacht haben, müssen sie lernen, was Andere für wichtig halten.

    Diese Situation erzeugt Stress. In der Schule wie in der Hochschule verbunden mit dem Zwang täglich viele Stunden still auf einem Stuhl zu sitzen und zuhören zu müssen. Lehren ist noch immer hauptsächlich Belehren. Schüler wie Studenten dürfen sich während sie Belehrt werden, nicht untereinander austauschen, haben keine Gelegenheit, die Fragen und Dinge, die sie in Bezug auf den Lehrstoff bewegen, nachzugehen. Wörtlich genommen geht das schon gleich gar nicht. Still sitzen und zuhören.

    Denn von der Fähigkeit Stillzusitzen und gut Zuhören zu können um das, was Gelehrt wurde, auch möglichst gut reproduzieren zu können - davon hängt der Schul- bzw. Studienerfolg ab. Man muss auch lernen damit zu leben, dass die eigenen Gedanken und Interessen unwichtig sind, kaum eine Rolle spielen.

    Genau das ist die klassische Situation, in der Meschen - natürlich auch Kinder, Jugendliche und StudentInnen - Auswege entwickeln, um für sich in solchen Situationen überleben zu können. Solche Situationen ertragen zu können.

    Der Weg, den Kinder und Jugendliche gehen, um dieser Situation zu entkommen, ist natürlich der, für sich Abhilfe zu schaffen: sich zu bewegen, zu sprechen, sich auszutauschen. Gerade das aber ist aber für die Schulsituation nicht tragbar. Die LehrerIn soll ja Belehren und daher m&uul;ssen ja alle stillsitzen und zuhören. Jede Sch&uul;lerIn, die nicht still sitzt, selbst redet, sich bewegt: herumhampelt, kann gar nicht zuhören und hindert womöglich auch andere am Zuhören. Fragen, die nicht unmittelbar zum Stoff gehören, stören den geplanten Ablauf. Daher geht auch die LehrerIn den Weg, aus ihrer Situation heraus für Abhilfe zu sorgen: Sie sorgt für Ruhe und Ordnung um im geplanten Ablauf fortfahren zu können.

    Wenn das nicht nachhaltig gelingt, kommt irgendwann der Punkt, an dem stillsitzen und zuhören gegen die davon abweichenden Strategien der SchülerIn abgewogen werden müssen. Da der Stoffvermittlungsauftrag der Schule alternativlos zu sein scheint, also nicht verändert werden kann, muss sich also die SchülerIn den Gegebenheiten anpassen.

    Statt SchülerInnen zu erlauben, zu lernen, was ihnen wichtig erscheint und das auf ihre Weise zu tun, bleibt nur die Perspektive, einer SchülerIn zu ermöglichen, so zu sein, wie es die Schule erfordert: stillzusitzen und zuhören zu können.

    Wenn alle pädagogische Kunst nicht hilft, die betreffende SchülerIn zur 'Einsicht' in ihr Verhalten zu bewegen, naht die Stunde der Psychopharmaka oder auch der Ausschluss von der Schule, weil mit dem gezeigten Lernverhalten das Ziel der Schule nicht erreicht werden kann.

    Man muss es sich noch einmal deutlich vor Augen führen:

    Schule setzt ein bestimmtes Verfahren - wie lehren und lernen stattfinden soll - absolut und erhebt dieses Verfahren zum Standard:
    • Was gelernt werden soll, wird in Kommissionen festgelegt.
    • Wie und mit welchen Methoden gelernt werden soll, wird von der LehrerIn festgelegt.
    • Die Kinder lernen in einer Konkurrenzsituation zu anderen Kindern der gleichen Lerngruppe. Die Lernleistung der SchülerInnen wird mit der Lernleistung der anderen SchülerInnen verglichen und bewertet.
    • Die Lernleistung der SchülerInnen wird aber nicht nur in Bezug auf den Lerngegenstand festgelegt, vielmehr fließen auch soziale und weitere Komponenten, die nichts mit der Lernleistung zu tun haben, mit ein.
    • Lernhilfen orientieren sich am Lerngegenstand, nicht an dem, was Lernende brauchen.
    • Das Lehr-Lern-Verfahren wird mit Gesetzen, Erlassen und Schulordnungen abgesichert.
    Alle SchülerInnen, die mit diesem Verfahren Probleme haben, werden abqualifiziert: Sie erhalten schlechte Noten. SchülerInnen, die dieses Verfahren nicht wiederspruchslos hinnehmen und sich dagegen - sicher auch mit den falschen Mitteln - auflehnen, d.h. im Schuljargon: die immer wieder stören, droht als letzte Konsequenz entweder der Ausschluss oder die Behandlung mit Psychopharmaka.

    Bei StudentInnen ist der Druck höher: Immerhin geht es um einen hochqualifizierten Berufsabschluss. Auch hier ist dieser gnadenlose Ausleseprozess am Werk: z.B. Durchfallquoten von 95 % in Mathematik.
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