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Johannes Wiese: Wege zur Schulbibliothek

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Veröffentlicht am Monday 11 November 2002 05:46:07 von Juergen
paedcom.jpg"PISA" hat mit Recht große "Auf-Regung" in unserem Bildungswesen verursacht; leider sind die "An-Regungen" kaum zur Kenntnis genommen worden, die von den erfolgreichen Ländern übernommen werden könnten – und müssten.

Wer das Bildungswesen in diesen Ländern kennt, weiß, dass sie so gut wie alle ein funktionierendes Schulbibliothekswesen aufweisen – d.h "am Lerner orientierte Bestände, für autonomes Lernen geeignete Räume und nicht zuletzt auf den Lerner hin ausgebildetes Schulbibliothekspersonal". Die Lehrenden in diesen Ländern praktizieren in der Regel einen Unterricht, der mit und oft in diesem Lernort Bibliothek stattfindet, der weitestgehend auf "Belehren" verzichtet und die "Lernautonomie" der Schüler herausfordert und unterstützt.

Das finden wir in Deutschland leider nur recht selten. Das ist nicht nur ein Grund zum Nachdenken, sondern vor allem zum Umdenken und zur Änderung von der "Didaktik", der "Lehrkunst", mit dem Anstreichen aller "Fehler" hin zu einer "Mathetik", zur Lernfähigkeit, und zum Loben alles, was die Lernenden gut und richtig machen. Die Schulbibliothek ist dazu ein unbedingt erforderliches Instrument – vor allem in den Ganztagesschulen. -

Bücher sind gewiss in jeder Schule vorhanden, im Lehrerzimmer, in Fachräumen, als "Hilfsbücherei", bei Lehrmittelfreiheit auch als Sammlung von "überzähligen" Exemplaren, in manchen Schulen als Sammlung von Kinder- und Jugendbüchern für Fahrschüler, die vor Unterrichtsbeginn kommen und ggf. auch länger bleiben müssen. Alle diese Bestände sind nicht selten in einem "präsystematischen Tohuwabohu" in unterschiedlichen Räumen aufbewahrt; das heißt auch, dass man lange suchen muss, um etwas zu finden.

  1. Ein erster Schritt, um solche Bestände für Lehrende und Lernende wirklich nutzbar zu machen, muss zur systematischen Ordnung führen. Solche Ordnung schaffen kann eigentlich nur der Fachmann/die Fachfrau, also ein/e Bibliothekar/in. Nun sind alle Kommunen finanziell schwach; kein Bibliotheksleiter wird daher gern eine Fachkraft auf längere Zeit für eine derartige Aufgabe abstellen. Gewiss wird sich dann aber ein/e pensionierte/r Bibliothekar/in bereit finden - vielleicht auch eine vorzeitig ausgeschiedene ehemalige Fachkraft, die ihre Kinder großgezogen hat und jetzt Zeit zur Verfügung hätte – um eine überschaubare Aufgabe zu leisten. Dafür wird sich möglicherweise auch noch ein Etatrest finden lassen – oder eine Elternspende oder ein Sponsor, wenn diese Arbeit nicht "ehrenamtlich" übernommen werden kann. Das hessische Modell der Elternmitarbeit ist mindestens zu überdenken; denn unter Eltern finden sich manchmal auch Bibliothekar/innen, die sich für eine solche Aufgabe bereit finden können, vorhandene Bücher zu erfassen, zu katalogisieren und zu erschließen.

    Ein nächster Schritt wäre dann die Zusammenfassung aller für Lernende brauchbaren Bücher in einem Raum und die Gewinnung von Helfern, die dafür sorgen, dass die einmal gefundene Ordnung stets wieder hergestellt wird. Ob das ältere Schüler leisten können, hängt gewiss von der Schulstufe ab; Mütter lassen sich für die Mitarbeit wohl auch gewinnen. Auch hier kommt das Beispiel Hessen in Betracht. (e-mail: gs@schulbibliotheken.de)


  2. Bisher stehen in den Kommunen häufig Bibliotheken und Schulen einander fern, nicht nur räumlich. Bibliotheken sind nach allgemeiner Auffassung für die Freizeit "zuständig", Schulen für die Arbeit des Lernens. Wenn jetzt Ganztagesschulen eingerichtet werden, wer-den die Lernenden – und gewiss auch die Lehrenden – auch "freie" – unterrichtsfreie – Zeit im Schulgebäude/-gelände zu verbringen haben. Da wäre es natürlich sehr gut und sehr schön, wenn eine Stadtteil-Bücherei in räumlicher Verbindung zur Schule wäre. Sie könnte ihre Bestände so ordnen und erschließen, dass Schüler bzw. Klassen sowohl während des Unterrichts für bestimmte Lernziele die benachbarte Bibliothek aufsuchen und dort bibliothekarisch betreut werden könnten – wie auch sie in der "Freizeit" nutzen könnten. Dass Schule und Bibliothek einander näher kommen, muss wesentliches Ziel werden.

    In manchen Fällen wird es die Möglichkeit geben, in einer Schule eine Zweigstelle der Öffentlichen Bücherei einzurichten – vielleicht mit den Beständen der Kinder-/ Jugendbücherei zusammen mit vorhandenen Schul-Buchbeständen Mit dieser Zweigstelle käme dann auch ein/e Bibliothekar/in in die Schule – eine überaus wichtige Voraussetzung für die Nutzbarkeit von Buchbeständen.


  3. Wenn eine derartige Lösung nicht erreichbar ist, können Buchbestände auch ausgeliehen werden: "Bücherkoffer" und "Bücherkisten" für bestimmte Unterrichtsprojekte werden schon von nicht wenigen Bibliotheken zusammengestellt und an Schulen oder Klassen, meist zeitlich begrenzt, ausgeliehen. Sind solche Themen erst einmal bearbeitet, stehen sie dann auch anderen Lerngruppen zur Verfügung; der Lehrer, der sie ausleiht, wird gebeten/verpflichtet, einen Erfahrungsbericht bei der Rückgabe beizufügen. Sind die Bücher erst einmal in der Klasse, stehen sie natürlich auch in der "Freizeit" zur Verfügung – und wenn sie anregend genug sind, werden sie dann auch wirklich als "termporäre" Schulbibliothek genutzt. – und wecken dann bei allen Beteiligten vielleicht das Bedürfnis nach mehr – also nach einer permanenten Bibliothek.


  4. Zum "Näherkommen" dient es gewiss auch, wenn das Personal der öffentlichen Bibliotheken noch stärker von der "Bücherverwaltung" auf "Leserbetreuung" umgeschult wird, wenn Zentralbibliotheken durch dezentrale und möglichst auch "schulnahe" Dependenzen ergänzt werden und dadurch eine stärkere "Lesernähe erreicht wird.


  5. Generell ist eine noch stärkere und intensivere Zuwendung zum kindlichen Leser auf allen Stufen des Bibliothekswesens erforderlich. Bibliotheken in Schulen können und müssen für das Buch und für das Lesen w e r b e n – Bibliothek und Buchhandel müssen hier kooperieren und möglichst regelmäßig auch in die Schulen kommen, nicht nur zu speziellen Sonderveranstaltungen – wie Jugendbuchwochen – sondern z. B. das "Buch des Monats" gemeinsam präsentieren, Vorlesewettbewerbe mit Buchpreisen belohnen, eine gute Buchrezension in der Schülerzeitung prämiieren u.a.m. Es gibt hinreichend Beispiele!


  6. Langfristig muss das Bewusstsein bei allen Bildungsverantwortlichen – vom Minister bis hin zum letzten Schulleiter – geweckt werden, dass in eine wirkungs- und leistungsfähige Schule eben nicht nur ein "Computerlabor", sondern ebenso sehr eine Schulbibliothek mit m i n d e- s t e n s e i n e m / einer Schulbibliothekar/in – oder wie in Dänemark einem/einer Lehrerbibliothekar/in – erfordert – wie wir das in den Ländern vorfinden, die bei P I S A an den ersten Stellen erfolgreich waren.



Alle politischen Kräfte sollten zusammen dafür eintreten, dass in den für 4 Mrd. _ geplanten 10 000 Ganztagesschulen so viele Schulbibliotheken wie möglich einge-richtet und die Kollegen für die Nutzung vorgebildet werden.
Johannes Wiese

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