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Unzeitgemäße Besprechung der FuV 99

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Veröffentlicht am Thursday 04 April 2002 09:10:52 von juergen
fuv.jpgFreier Ausdruck ist das Thema des Heftes. Auf 40 Seiten wird das Thema eingekreist, das auch Thema des letzten Symposions in Bremen (2001) war. Sieben Seiten sind dem Thema PISA gewidmet, es folgen vermischte Artikel, Rezensionen und Anzeigen. Es fällt auf, daß die Beiträge immer um eine Erkenntnis kreisen: Um Freien Ausdruck zu ermöglichen braucht man befähigte Menschen, die den Raum für den freien Ausdruck schaffen. Es dominieren daher Zustandsbeschreibungen dieses freien Raums. Weitgehend ausgeblendet bleibt die Tatsache, daß diese Räume konträr zu den Räumen in der real existierenden Ausleseschule sind. So bleibt denn auch der emanzipatorische Charakter der Freinet-Pädagogik auf der Strecke. Statt im Namen ihrer Klientel die Abschaffung der Auslese- und Mißtrauenskultur in den Schulen zu fordern, verlagert sich das Gelingen des Freien Ausdrucks ganz zeitgemäß auf die psycho-soziale Schiene.
Im "Extra-Bereich" : Freies Schreiben können LeserInnen zum Inhalt des Themenheftes weiterschreiben.

Der beschriebene Widerspruch wird gleich im ersten Beitrag deutlich: "Freier Ausdruck in der Stadt-als-Schule-Berlin." Es wird an drei Beispielen verdeutlicht, welchen Erfolg Freier Ausdruck haben kann. Beeindruckend, sicherlich. Aber die Stadt-als-Schule-Berlin ist keine normale Schule mit ihren Auslesezwängen sondern eine Schule mit vielen Freiheiten, die problematischen SchülerInnen doch noch zu einem Schulabschluß und zu einer Ausbildung verhelfen soll. Man stelle sich eine Schülerin vor, die sich erst nach einem halben Jahr dazu überwinden kann, mit der Hand, statt it dem PC zu schreiben. Sicherlich ein Erfolg der Freinet-Pädagogik, die SchülerInnen so nimmt, wie sie sind und ihnen ihren Freiraum gewährt. Sicherlich ein Erfolg von Hartmut Glänze, der dies ermöglicht. Jeder Hinweis auf die Bedingungen und die Konsequenz für die Regelschule unterbleibt leider.

Im Kindergarten ist das Konzept des freien Ausdrucks das 'Wesentliche, Mittel zum Zweck'.
Kinder zwischen 3 und 6 sind "begeisterte GeschichtenerzählerInnen, DichterInnen, MalerInnen, SchauspielerInnen, DrehbuchautorInnen" (S. 10). die Gefahr ist, schreibt Monika Müller-Zeugner, daß wir Erwachsenen "Situationen oft auf unserem völlig subjektivem Erfahrungshorizont beurteilen." Es ist - nicht nur an dieser Stelle - die Rede vom "Zurücktreten" und vom "Zuhören" und "Staunen". So richtig das ist, es fehlt hier doch der Hinweis auf den Rahmen, in dem Kinder zum freien Ausdruck kommen und in dem dann Erwachsene (ErzieherInnen) dann zurücktreten können und müssen. Das Zitat von Paul le Bohec schiebt den LehrerInnen den schwarzen Peter zu, sie müssen sich ändern. Die Bedingungen bleiben unangetastet.

Die werden im Artikel von Klaus Glorian näher besprochen. Zum freien Ausdruck gehört die Präsentation in der Klasse dazu. Dazu kann sich bei ihm Freier Ausdruck nicht nur Texten, sondern auch mit Bildern, Skulpturen und Phantasiegeräten niederschlagen - und es soll möglichst jede Woche ein Produkt entstehen. In der Präsentierstunde werden diese dann vorgestellt und diskutiert. Mal abgesehen davon, daß es im Stundenplan der normalen Schule keine Präsentierstunde gibt (es sei denn, der Schulleiter unterstützt diese pädagogische Sichtweise) schränkt die eine der vorgestellten verbindlichen Absprachen den freien Ausdruck ein: "Texte/Bilder ect., die gewaltverherrlichend oder sexistisch sind, werden nicht zugelassen".

In dem folgenden Schreibgespräch: "Der freie Ausdruck in der Schulklasse" wird genau dieser Sachverhalt angesprochen aber nicht diskutiert. Immerhin wird festgehalten, daß mit der Einschränkung den Kindern die Möglichkeit genommen wird, ihre Probleme auf diese "unblutige" Weise zu lösen.

Im Schreibgespräch ist von dem Setting, dieser Struktur, die vor allem durchschauber und veränderbar sein sollen, die Rede: Ein Kind hat ein persönliches Heft, in das die LehrerIn nur dann schauen darf, wenn das Kind es der LehrerIn zeigt. Das Kind entscheidet, ob und was es vorstellt und es entscheidet auch, was ins Klassengeschichtenbuch kommt und was davon weiter veröffentlicht werden darf. Es muß den Freinet-AutorInnen sicherlich zugestanden werden, daß sie in langjähriger Praxis sich diese Achtung vor dem Kind erworben haben. Allein an der normalen Schule dient jedwede Aufzeichnung der Schüler zur Notenfindung.

Auch der Bericht vom Symposion von Barbara Daiber zeigt diesen erschreckenden Mangel. Ganz erschlagen von den am eigenen Leibe erfahrenen Möglichkeiten gerät die Überlegung: "Was nehme ich mit in den Schulalltag?" (S. 30) ganz individualistisch. Es soll hier nicht verkannt werden, daß man immer bei sich selbst anfangen muß, wenn man etwas ändern will - aber ohne einen Ansatz dazu, auch das Auslesesystem Schule zu verändern, haut man immer wieder sich selbst in die Pfanne.

Wörtlich spiegelt diese Sichtweise der Beitrag von Alfred Cybulska wieder:"Ich war mir z.B. klar, dass wir die Kinder mehr beteiligen müssen. ... Aber die großen Strukturen sind natürlich wie bisher.

Dabei kommt die Systemfrage schon ans Tageslicht, zwar nur als Fetzen in der kleinen Untersuchung "Freier Ausdruck - Was ist das?" (S. 33): "Schwieriger in der Sek I/Sek II (z.B. wg. Stundentakt)" oder "Bewertungen sind hinderlich" oder "als Lehrer keine heimlichen Lernziele verfolgen" oder "Die Kinder gestalten das Programm, mit ihren Ideen hat der Tag dann seine Struktur" und "Wo muss der freie FA aufhören, weil z.B. der Lehrplan anfängt".

Hier zeigt sich das ganze Dilemma der Freinet-Pädagogik: In den Köpfen der LehrerInnen ist die Ausleseschule so stark verankert, daß Freinet-Pädagogik für die Schule passend gemacht wird und nicht Schule für die Freinet-Pädagogik: Wo muß der Freie Ausdruck aufhören, weil der Lehrplan anfängt! Nimmt man die eigenen Erfahrungen ernst, die man auf Freinet-Tagungen sammeln kann, dann muß der Lehrplan aufhören, weil der freie Ausdruck anfängt und bis zum Lebensende gilt. In jedem anderen Fall bleibt der ganze schöne Ansatz der Freinet-Pädagogik ein Lippenbekenntnis und verpufft.

Der einzige Beitrag im Themenheft, der diesen Zusammenhang von "Sortier- und Auslesewahn", von"Mißtrauens- versus Vertrauenskultur", von Ausschöpfen der Ressurce Bildung zugunsten der Kinder beleuchtet, ist der Artikel von Reinhard Kell. Dumm ist nur, daß das kein Freinet-Pädagoge ist. Der Artikel ist gut ausgewählt für das Themenheft, schade ist nur, daß er als Solitär steht. Was fehlt ist die konkrete Darstellung des Beitrages der Freinet-Pädagogik zum Schulsystem in der gegenwärtigen Lage. Bisher sind jedenfalls nur die Flickschuster aus den Ministerien, Gewerkschaften und Lehrerverbänden dabei, ihre Süppchen zu kochen und das Maximum für ihre Klientel herauszuholen. Die Freinis müssten aus ihrem Elfenbeinturm der Insel-Pädagogik herauskommen und sagen, wie Schule verändert werden muß!
Weitere Beiteräge zur FuV und Kommentare zu diesem Artikel sind ausdrücklich erwünscht!

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