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Bannach, Michael: Selbstbestimmtes Lernen - Freie Arbeit an selbst gewählten Themen, Baltmannsweiler 2002

Rezension von Andrea Karimé, 18.11.2002

Warum überhaupt Freie Arbeit?

Wissen wir alle. Weil Kinder sich wohler fühlen, interessierter sind, besser behalten, so unterschiedlich sind und weil sie „nebenbei“ Dinge lernen, die über die bloße Wissensvermittlung hinausgehen, Persönlichkeit bilden und Verantwortlichkeit stärken. Aha!

Aber warum ist das alles so? Ist das wirklich alles so? Michael Bannach, Sonderschullehrer aus Berlin gibt hierauf hinreichend Antworten mit seiner nun vorliegenden Forschungsarbeit.


Wissenschaftlich belegt wird zunächst, dass mit herkömmlicher meist lehrerzentrierter Unterrichtsgestaltung eine Lernhaltung bei Kindern gesät wird, die „defensiv“ begründet ist, also Lernen als Reaktion auf unser Lehren, Lernen als Notwehr oder Schutzhandlung vor Sanktionen. Vertiefende Lernprozesse werden so nicht ermöglicht. Gehemmt werden auf diese Weise auch jegliche Lernfreude, Interesse, Fragen zu stellen und für sich und andere Verantwortung zu übernehmen.

Doch nicht nur auf der Basis des subjektwissenschaftlichen Lernbegriffs wird die Notwendigkeit der Änderung des Unterrichts begründet. Auch schultheoretische Konzepte werden hierzu angeführt und genau erläutert. Die Unmöglichkeit, Lernen zu vertiefen in der Institution Schule wird konstatiert.

Michael Bannach hat in seinem Unterricht andere Beobachtungen gemacht. Dies veranlasste ihn zu vorliegender Studie über Lernprozesse von SchülerInnen in der „Themenarbeit“,als einer spezifischen Form der Freien Arbeit.

Er konstituiert sein Konzept mit den pädagogischen Prinzipien und Zielen Kooperation, Interessenorientierung, Selbstbestimmung und Selbstorganisation, die ausführlich und aufschlussreich begründet werden.

Als Forscher nimmt er die „Handlungs- und Lernprozesse und die Sichtweisen, also Handlungs- und Lernbegründungen, von Mädchen und Jungen einer sechsten Grundschulklasse im Verlauf ihrer „Arbeit an selbstgewählten Themen“ unter die Lupe. Zentraler Gegenstand seiner Untersuchung ist auch sein Lehrerverhalten, welches immer wieder durch das Dilemma, einerseits institutionelle Vorgaben berücksichtigen zu müssen und „Idealen des Lernens“ zu folgen, beeinflusst und beeinträchtigt wird.

Die Fallstudien – drei ausgewählte Lernprozesse von SchülerInnen von der Themenfindung bis hin zur Präsention und des Auswertungsgesprächs - sind eine hervorragende Dokumentation seines Unterrichts , dem eine ausgezeichnete und beherzte Analyse folgt. Ausführlich und anregend beschreibt der Autor, zitiert er aus seinem Lerntagebuch und dem der SchülerInnen und aus den Gesprächstranskripten. Die LeserIn wird mit alle Vor- und Nachteilen der Freien Arbeit in seiner hier vorgestellten spezifischen Form konfrontiert und erhält genaueste Einblicke in die Lernprozesse der Kinder und seines Lehrers durch eine sehr lebendige Darstellung und Analyse, die die Sicht der SchülerInnen erfreulicherweise mit einschließt.

Dabei ist es wohltuend, dass der Autor nicht nur Gelungenes darstellt. Nein gerade in der Aufführung pädagogischer Fehler und dessen Analyse und Evaluation wird deutlich, was er in Anschluss auch in seiner „Theorie des Lernens und Lehrens in der Themenarbeit“ postuliert: Dass nämlich der Lehrer nicht mehr richtet über richtig und falsch sondern den Prozess der Erkenntnisgewinnung vorantreibt durch Fragen, Anstöße und Ideen.

So werden seine zum Teil sehr direktiv geführten Gespräche zur Themenfindung offen darlegt und anschließend reflektiert. Sowohl Lehrer als auch SchülerInnen werden bei der Themenfindung mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontiert. Lehrer müssen beispielsweise mit ihren Erwartungen und Vorurteilen auseinandersetzen und abwägen, ob das Thema „Bildungsprozesse beim Schüler“ in Gang setzen kann.

Schülerinnen werden vor die Wahl gestellt, die sie als „Handlungsanforderung“ erleben, und die sie bewältigen müssen.

Außerdem ist die Wahl des Themas eng mit der Wahl der Arbeitspartner verknüpft. Die Dokumentation zeigt eingehend, wie Schülerinnen mit diesen und anderen Anforderungen umgehen.

Die Ergebnisse der Analyse der Lernprozesse der ausgewählten SchülerInnen fallen positiv aus. Die untersuchten Kinder lernen „expansiv“ begründet, d. h. in der Erwartung, Fähigkeiten zu erweitern. Sie lernen motiviert , interessiert, aktiv und „unproblematisch eher beiläufig“. Interessant ist, dass sie alle den Kontext Schule mit seinen Anforderungen in ihrer Arbeit berücksichtigen konnten, denn ihr „Bestreben war es auch, die Themenarbeit so zu bewältigen, dass sie ihre Aufgaben als SchülerInnen gut und erfolgreich erfüllen“ würden.

Nicht zu kurz kommen die Hinweise darauf, wo weitere Forschung ansetzen könnte. So gelang es zwar, zu verdeutlichen, dass es SchülerInnen unabhängig von der Schulform prinzipiell möglich ist, selbständig und eigenverantwortlich zu arbeiten. Offen bleibt allerdings noch, wie jene gefördert werden können, die in ihrem Lernen durch emotionale oder andere Blockaden behindert werden. Dies ist u.a. besonders bedeutsam, da, wie der Autor richtig feststellt die Lehrer bei der Themenarbeit auf weitgehend selbständiges Arbeiten der SchülerInnen angewiesen ist, damit er gleichzeitig mehrere Gruppen betreuen kann.

Dort und an vielen anderen Stellen im Buch wird herausgestellt, wie anspruchsvoll und zeitintensiv diese Arbeit ist, welches Engagement und welche umfassende Kompetenz sie vom Lehrer voraussetzt. Auch dass er Fachkenntnisse manchmal nicht hat, was dazu führt, dass SchülerInnen nicht optimal gefordert werden konnten, wird nicht verschwiegen.

Das Buch macht Mut, sich die Lernprozesse der Kinder und das eigene Lehrerhandeln wieder genauer anzuschauen, sich darüber auszutauschen und ebenso beherzt Konsequenzen zu ziehen. Außerdem bestärkt es jene LehrerInnen, die trotz der nun stärker werdenden Kontrolle durch neue Schulverordnungen und der steigenden Nichtakzeptanz von Offenen Unterrichtskonzepten durch die durch Pisa aufgepeitschte Öffentlichkeit ihren Weg weitergehen, SchülerInnen bei der „Entfaltung und Vertiefung eines subjektiven Bedeutungsbezugs“ zum Lerngegenstands zu unterstützen.

Sie dabei zu begleiten und anzuregen, einen lebendigen subjektiven Bezug zum Thema herzustellen und Fragen zu finden und dabei das Thema immer wieder in den Vordergrund zu rücken, vor methodischen oder formalen Ansprüchen. In diesem Zusammenhang gelingt es dem Autor abschließend, seine vorab angelegte Konzeption der „Themenarbeit“ noch einmal zu hinterfragen und deutlich als „Arbeit an eigenen Themen“ zu verorten.

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