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Peschel, Falko: Offener Unterricht - Idee, Realität, Perspektive und ein praxiserprobtes Konzept zur Diskussion

Rezension von Jürgen Bennack, 20.11.2002

Können Kinder wirklich selbstständig lernen?

Rezension von Jürgen Bennack

Teil 1: Allgemeindidaktische Überlegungen
Teil 2: Fachdidaktische Überlegungen. Schneider Verlag Hohengehren 2002

In der Reihe "Basiswissen Grundschule" legt Falko Peschel zwei Bände zum Thema "Offener Unterricht" vor.


In Band I beschreibt Peschel zunächst den Offenen Unterricht anhand der in der Unterrichtswirklichkeit gebräuchlichen Formen und Konzepte, er gewinnt Bestimmungsstücke des Phänomens über die Beschreibung wissenschaftlicher Zugänge und die Formulierung von Grundsätzen, mit denen er ein neues Rollenverständnis der Personen sowie eine neue Sichtweise der Intentionen, Methoden und Verfahren als Bedingung fordert. Zudem äußert er sich, bezogen auf Offenen Unterricht, zu Fragen der Unterrichtsplanung und Schülerbewertung, zur Problematik der Evaluation und Implementation.

Band II nimmt "Fachdidaktische Überlegungen" vor. Der Autor stellt einleitend als Voraussetzung und Folge Offenen Unterrichts, einerseits Lernkultur gegen den traditionellen Lernbegriff und andererseits Bildung, verstanden als verantwortungsvollen Umgang mit Wissen, gegen dessen bloße und folgenlose Anhäufung. Als Beweis, dass Peschel die Inhalte Offenen Unterrichts keineswegs von der Bequemlichkeit, Beliebigkeit und Mutwilligkeit zufälliger Schülerinteressen abhängig machen will, sondern der Lehrerin/dem Lehrer durchaus die Verantwortung für den Erwerb lebensrelevanter Inhalte und Kompetenzen zumutet, geht er auf Sprache, Mathematik und Sachunterricht als zentrale Themen der Grundschule mit wichtigen Hinweisen auf deren Lern- und Kompetenzgehalt einschließlich notwendiger Materialien ein.

Der Band schließt mit Bemerkungen zu Vorbehalten, auf die der Offene Unterricht häufig bei Kollegen(innen) und Eltern stößt, z.B.: Kann man die heterogenen Arbeitsverläufe der Schüler überblicken? Werden die Schüler sich auf andere Arbeitsweisen an weiterführenden Schulen einstellen können?

Die beiden Bände enthalten eine Bestandsaufnahme der unter dem Begriff Offener Unterricht zusammengefassten Reformbemühungen in Schule und Unterricht; sie beinhalten eine Fülle anregender Versuche und daraus gewonnener Hinweise eines real agierenden Lehrers; sie bieten — theoretisch anspruchsvoll, inhaltsreich und differenziert — zudem eine kompetente reflexion engageé zu diesem Thema und sie stellen zugleich den Erfahrungsbericht eines Lehrers auf der Suche nach einer Schule dar, in der Schüler erfolgreich und sinnvoll lernen können und wollen.

Peschel hat sich auf diesem Wege nicht mit Hospitationen zufrieden gegeben und sich nicht auf die Wiedergabe positiver Erfahrungen und gelungener Beispiele anderer beschränkt. Er hat sich seinem Anliegen persönlich angenommen und als Grundschullehrer seit Jahren Offenen Unterricht durchgeführt, in den er überdies Kolleginnen, Kollegen und Studierende als Handelnde und kritische Betrachter einbezieht.

Peschels Werk über den Offenen Unterricht ist theoretisch fundiert, d. h. es richtet den Blick auf die fachliche Diskussion, auf deren Ergebnisse und Einsichten und er geht eigenen Fragestellungen nach. Dies aber geschieht eben nicht mit verengtem Blick "aus der Praxis für die Praxis" und auch nicht nur aus der abgehobenen Position eines "kühlen" wissenschaftlichen Analytikers und Experimentators. Peschel schreibt über den Offenen Unterricht als kompetent handelnder und forschender Lehrer.

Der Leser findet in den beiden Bänden gewiss einen Zugang zu Theorie und Praxis des Offenen Unterrichts; er wird weder durch platte Praxiologie noch abstrakte Wirklichkeitsferne enttäuscht werden. Er kann fasziniert und angeregt dem Bemühen Peschels folgen, eine Schule jenseits quälender Einpaukerei oder auch des schönen Scheins bunter, freundlicher Lernmanipulation zu bauen, die sich nicht mit im Grunde marginalen Fragen abgibt, wie der Dauer der Schulzeit, der Anzahl der Pflichtfächer, der Festlegung genauer Inhalte — etwa im Lichte der Globalisierung — lediglich sprachlich ausgestalteten Schulprofilen und Schulprogrammen, Disziplinarmaßnahmen, burn out und desgleichen mehr.

Peschel geht es um den Kernauftrag der Schule: Das Interesse der Schüler am Lernen offenzuhalten und ihre Lernkompetenz zu erhöhen. Seine Beispiele und Vorschläge vermitteln die begründete Hoffnung, Schülern tatsächlich in und durch die Schule zur Selbständigkeit verhelfen zu können.

Diese Bände werden in den Hochschulen, Studienseminaren und Schulen interessierte Leser finden; es wird ihnen gelingen, viele für die Idee und Realisierung des Offenen Unterrichts zu gewinnen.

Jürgen Bennack

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