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E. u. C. Freinet

  • Forum Freinet

    Die Freinet's

  • Texte von E. & C. Freinet
    in deutscher Übersetzung


  • Die Grammatik auf 4 Seiten

    Es ist kein Spiel; wir haben mit niemandem darum gewettet, den Inhalt aller französischen Grammatiklehrbücher auf vier - vielleicht sind es sogar nur drei - Seiten zusammenfassen zu können. Unser Vorhaben hat eine beträchtliche pädagogische Reichweite: denn es zielt darauf ab, den praktischen Sprachunterricht dank neuer Techniken, die wir in unseren Klassen eingeführt haben, wirklich zu vereinfachen. Ich für meine Person bin kein Grammatiker, weit davon entfernt! Ich gestehe sogar: als ich nach dem Krieg halb genesen eine Vorbereitungsklasse übernahm, stellte ich mit einiger Überraschung fest,
    daß ich fast alle Grammatikregeln vergessen hatte. Ich konnte bei den Zeiten gerade noch einige einfache Formen unterscheiden: Indikativ Präsens, Imperfekt, Futur, Konditional. Ich wußte nicht mehr, ob das "Passé simple" auch "Passé défini" genannt werden kann oder nicht - ich frage mich das beim Schreiben dieser Zeilen immer noch - und die Reihe "bijou, caillou, chou..." (die alle ihren Plural mit x bilden, im Gegensatz zu anderen Substantiva auf ou, Anmerk. d. Übersetzerin) fiel mir nur mit Mühe wieder ein.
     

    Ganz zu schweigen von der Menge von Pronomen, Adjektiven, Adverbien, Präpositionen etc. ..., die ich korrekt zu gebrauchen wußte, ohne sie genau unterscheiden zu können. Und dennoch hatte ich gerade ein kleines Buch geschrieben, dem es nicht an Gefühlsbewegung fehlte und auch nicht - ich wußte das - an einer recht lebendigen Ausdrucksweise. Das Büchlein handelte von der Verteidigung unserer Rechte - denn wir glaubten damals noch Rechte zu besitzen, während unsere Vorgesetzten, seien sie nun hierarchiegläubig oder nicht, sich heute große Mühe geben, uns täglich zu beweisen, daß dieses Wort mit der aktuellen ... demokratischen Entwicklung völlig seinen Sinn verloren hat.
     

    Ich habe mich über meine Unkenntnis nicht aufgeregt. Schließlich konnte ich akzeptabel schreiben: und ich fühlte genau, daß dies däs Wesentliche war, daß der ganze Rest, all diese grammatikalischen Spitzfindigkeiten vor allem Erfindungen der Schule waren. Und wenn ich, dem bis zum 18. Lebensjahr Lehrer und Lehrbücher den Kopf damit vollgestopft hatten, ohne großen Schaden die heiligen Regeln der Grammatik vergessen konnte, dann heißt das doch, sie waren, so wie man sie mir beigebracht hatte, weder lebendig noch unentbehrlich. Die überkommene Form des Sprachunterrichts ist also ohne Bezug zu den Bedürfnissen der Schüler, die in ihrem Leben etwas anderes zu tun haben als grammatische Terminologie zu pflegen.
     

    Ich habe seither keinerlei Anstrengung unternommen, diese Lehrbuchgrammatik noch einmal zu lernen. Und ich beeile mich, hier, bevor es zu spät ist, das zusammenzufassen, was ich für ausreichend und nützlich für unsere Volksschule halte. Denn wir können schnell Opfer professioneller Deformationen werden : Wir begegnen jedes Jahr den gleichen Prinzipien, den gleichen Regeln mit ihren Ausnahmen wieder und sie werden so sehr ein Bestandteil unseres Berufs und unseres Lebens, daß wir unsere Schüler nicht mehr verstehen. Wir verstehen dann nicht mehr, daß Menschen, die nicht von Berufs wegen ständig diese Dinge wiederkäuen, mit großer Zwanglosigkeit sich um deren fragwürdigen Wert gar nicht kümmern.
     

    Alle diese Vorbemerkungen dienen dazu, unseren Genossen - und auch den Spezialisten, die uns lesen werden - klar zu machen, daß ich es nicht auf grammatische Gelehrsamkeit abgesehen habe. Mir können Lücken unterlaufen sein, die vielleicht geschlossen werden müssen und Fehler, die ich mit Vergnügen korrigiere. Ich bin sogar glücklich, wenn diese Zeilen unter unseren Kollegen wieder einmal zu einer nutzbringenden Zusammenarbeit führen.

    aus:
    Elise Freinet, Naissance d´une pédagogie populaire, Paris 1972
    nachgedruckt in:
    Jochen Hering, Walter Hövel (Hrsg.)
    Immer noch der Zeit voraus, s.o.

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