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E. u. C. Freinet

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  • Texte von E. & C. Freinet
    in deutscher Übersetzung


  • Elise Freinet: Disziplin: Den Machtkampf vermeiden

    Freie Aktivität

    Zunächst einmal muß dem Wort "Disziplin" ein neuer Sinn gegeben werden. Besser wäre noch, dieses Wort in seiner herkömmlichen Bedeutung verschwände ganz aus unserem pädagogischen Vokabular.

    Das Kind, dem man Aktivitäten anbietet, die seinen physischen und psychischen Bedürfnissen entsprechen, ist immer diszipliniert, d. h. es hat weder Regeln noch äußere Verpflichtungen nötig, um allein oder in Kooperation mit anderen auch einer anstrengenden Arbeit nachzugehen. Zwar müssen wir auch dann, wenn die schüler ihren Bedürfnissen und Interessen gemäß arbeiten, manchmal eingreifen, um die Arbeit und die Aktivität unserer Gruppe zu organisieren. Aber die normalen schulischen Disziplinierungsprobleme gibt es bei uns nicht - woher auch?

    Die Erfahrungen mit der Druckerei in unseren Klassen lassen uns ahnen, was in dieser Richtung alles erreicht werden könnte.

    Die traditionelle Disziplin erfordert die strikte Kontrolle aller "Aufgaben". Wir dagegen konnten unsere Schüler in unserem Unterricht dazu bringen, sich mehr Texte auszudenken und zu schreiben, als die Lehrpläne vorsehen - und dies mit spontanem Eifer und voller Hingabe... Die Lehrbücher erfinden ein ausgeklügeltes System, wie man die Aufmerksamkeit der Kinder während der Lektüre erregt. Unsere Schüler aber lesen mit großem Ernst und mit Neugier die Bücher ihrer Korrespondenten.

    Es bleibt noch die lästige Pflicht, ihnen die trockenen Formen einer leblosen Grammatik beizubringen, wo doch alles andere im Licht der schulischen und sozialen Notwendigkeit erscheint und sicht von dort aus von selbst erschließt!

    Wo nicht die freie Aktivität zum Grundprinzip jeglicher Organisation der Klasse gemacht wird, da bedarf es einer besonderen Disziplin. Sie hat die Funktion, das Kind zu etwas zu zwingen, was es nicht tun will und gleichzeitig das zu unterdrücken, was es gerne täte. Und es ist falsch zu glauben, diese Disziplin könnte jemals liberal gehandhabt werden, um eine freiwillige Unterordnung zu erreichten. Auch wenn sie von Schülern selbst gefordert wird, die unter dem Einfluß von Erwachsenen stehen, bleibt sie doch Disziplin, die ein aufeinander bezogenes Handeln der Erzieher und der zu Erziehenden unmöglich macht.

    Uns stellt sich das Disiplinproblem so: das Kind, das an einer Aktivität teilhat, die es fesselt, "diszipliniert" sich automatisch selbst. Was uns zu tun bleibt: wir müssen unseren Schülern jede Sinnvolle Aktivität erlauben, die ihren persönlichen Interessen entgegen kommt und wir müssen aufmerksam die Technik dieser Aktivität untersuchen. Diese Technik erfordert nämlich eine Selbst-Disziplin, die motiviert ist durch das angestrebte Ziel. Das einzige Kriterium unserer Disziplin heißt also nicht: sind die Kinder brav, gehorsam und ruhig, sondern: arbeiten sie mit Begeisterung und Schwung?

    Diese freie Entfaltung von Aktivität ist allerdings nur möglich unter bestimmten günstigen organisatorischen und materiellen Bedingungen. In zu großen Klassen und allzu engen Räumen können diese Neuen Arbeitstechniken auf keinen Fall angewandt werden. Die Volks-Schulen sind leider, so wie sie konzipiert und verwirklicht wurden, Schulen des Sitzens: Schulen, in denen jeder seinen Sitzplatz hat, die Schüler aber nicht in Gruppen frei herumgehen können, ohne Lärm zu machen und Gefahren für die ganze Klasse heraufzubeschwören. Deshalb haben wir den "schulischen Materialismus" zur Grundlage unserer Forderungen für die Volks-Schulen gemacht.

    Ein weiterer Umstand, der fast immer die Einhaltung einer strengen Disziplin erfordert, ist die dem Lehrer auferlegte Pflicht, den Schülern Kenntnisse zu vermitteln, die nichts zu tun haben mit ihrem Denken und Empfinden: Ich denke ganz besonders an das kaufmännische Rechnen und den offiziellen Geschichtsunterrricht. Solange Examen nicht grundsätzlich verändert werden, wird die Schule weiterhin daran leiden, leere Worte unterrichten zu müssen, anstatt das Denken der Schüler zu formen und zu fördern.
     

    Organisiert begeisternd Arbeiten

    Die schulische Erziehung ist immer ein Machtkampf gewesen.

    Man sagt, daß Polizisten in jedem, der vorbeikommt, einen potentiellen Straftäter sehen. Die Lehrer sehen als erstes im Kind den Feind, der sie beherrschen wird, wenn sie ihn nicht beherrschen.

    Und da wir nun einmal alle von diesem Machtkampf geprägt sind, halten wir ihn für natürlich und unvermeidlich.

    Außerdem ist er sozusagen offiziell, denn es ist doch so, daß die Bestimmungen, die körperliche Züchtigungen verbieten, unendlich viele Spielarten vo Bestrafungspraktiken legitimieren, von denen man zumindest behaupten kann, daß sie unser Ansehen nicht heben und daß wir nicht stolz auf sie sind. Wir wollen nicht behaupten, daß Disziplin überflüssig wäre, vor allem in zu großen Klassen, die leider immer mehr zunehmen. Wir stellen nur die Frage: Ist der Machtkampf in der Erziehung eine sinnvolle - oder auch nur akzeptable Lösung? Oder ist er bedauerlich, also so bald wie möglich durch etwas anderes zu ersetzen?

    Und durch welche Art von Disziplin ist er zu ersetzen.

    Zunächst sollten Sie wissen, daß Sie, wenn Sie sich auf den Machtkampf mit den Kindern einlassen, von vornherein verloren haben. Sie werden das Gesicht wahren und Ruhe und Gehorsam erhalten, aber unter der Bedingung, daß Sie permanent auf der Hut sein müssen vor langen Nasen und gestellten Beinen. Im Grunde haben Sie keinerlei konstruktive Arbeit geleistet, weil Sie bestenfalls eine Haltung von Passivität und Servilität, gepaart mit Heuchelei und Hinterlist erzeugt haben. Glücklicherweise entwischt das Kind dieser Haltung mit Hilfe seiner überströmenden Lebensfreude und seiner Geschicklichkeit, Hindernisse zu überwinden, die sich ihm in den Weg stellen. Ich übertreibe nicht. Sie brauchen nur alle - so wie ich - ehrlich und aufrichtig aus Ihrer Erinnerung an die Schulzeit, die Sie erlitten haben, zu schöpfen. Und Sie waren doch noch die Besten der Klasse!

    Nein, der Machtkampf ist ein Schuß nach hinten. Und der Erzieher ist zu bedauern, der mit ihm die vierzig Jahre seiner Laufbahn konfrontiert ist.

    Wir sehen glücklicherweise eine Lösung: die kooperative Arbeitsdisziplin.

    Haben Sie schon bemerkt, wie brav und leicht zu ertragen Ihre Kinder zu Hause oder in der Schule sind, wenn sie sich ganz mit einer Sache beschäftigen, die sie fesselt? Das Disziplinproblem stellt sich nicht mehr: es genügt, eine begeisternde Arbeit zu organisieren.

    Sehen Sie doch, wie die Kinder ihre Zeitungstexte setzen oder drucken, ihre Klassenräume schmücken, töpfern, ihren Arbeitsplan festsetzen, Foto- oder Elektromontagen herstellen. Sie merken dann, wie und wie sehr der Begriff Disziplin seinen Sinn verändert. Vielleicht gibt es immer noch große Unordnung, zuviel Lärm, kleine Streitereien. Das hat alles technische Ursachen, der Apparat funktioniert nicht, oder man hat zuviel Druckerschwärze eingefüllt, dieses oder jenes Teil fehlt.

    Noch öfter fehlen uns - die wir schlecht auf unsere neue Rolle als technische Helfer vorbereitet sind - Arbeitsbögen oder Gebrauchsanweisungen. Wir nehmen an der gelegentlichen Unordnung in den Arbeitsecken teil, die noch nicht genügend organisiert sind. Aber die Erfolge, auf die wir stolz sind, beweisen uns, daß in unseren Klassen der Machtkampf seitdem überholt ist. Wir kommen langsam zu einer demokratischen Disziplin, die das Kind darauf vorbereitet, eine demokratische Gesellschaft aufzubauen.Sie wird das sein, was es daraus macht.

    Text aus: J. Hering u W. Hövel (Hrsg): Immer noch der Zeit voraus, 19961, Bremen
    Original in: E. Freinet: Naissance d'une pédagogie populaire, Paris, 1972

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