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E. u. C. Freinet

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  • Texte von E. & C. Freinet

  • Der Beitrag von Elise Freinet
    zur Pädagogik der Ecole Moderne


    Die folgenden Ausführungen beruhen auf einem längeren Artikel von Michel Barré. der im Bulletin "Amis de Freinet" Nr. 54 (Dez. 90) erschienen ist. Michel Barré kannte das Ehepaar Freinet seit den 50er Jahren und war Mitglied der Geschäftsleitung der CEL., bei deren Liquidation erhielt er auch Einsicht in die umfassenden Archive. Elise Freinet-Lagier-Bruno (geb. 1898) starb am 30.1.83.
    (Bearbeitung: Peter Jakob)


    Man muss nicht Feminist sein, um sich zu ärgern, dass Geschichte häufig anhand von bekannten Männern geschildert wird und ihre Frauen nur gerade als Lebensgefährtinnen erwähnt werden. ln keiner Weise war Elise Freinet "nur" die Ehefrau und der "Schatten" von Célestin Freinet beim Aufbau der pädagogischen Bewegung "Ecole Moderne". Allzuleicht werden von oberflächlichen Leser/innen die Aussagen von Elise mit denen von Célestin vermischt, unsorgfältige Kritiker versuchen Widersprüche in der Freinet-Pädagogik aufzuzeigen, indem sie ein Zitat des einen mit einem Satz der anderen widerlegen. Das Werk von Elise Freinet umfasst mehr, als die von ihr geschriebenen Bücher "Naissance d'une pédagogie populaire" (erstmals: Cannes 1948) und "L'itinéaire de Célestin Freinet" (Paris, 1977, deutsche Übersetzung durch Hans Jörg "Erziehung' ohne Zwang", Klett-Cotta Stuttgart, 1981).

    Elise mit ihrem Leistungsvermögen im alltäglichen Kampf

    Wer Elise Freinet nur in 'ihren raren öffentlichen Auftritten' begegnet ist, hat sie wohl nur als "grande dame" kennengelernt, die zum Teil etwas distanziert wirkte, weil sie die Massenbäder nicht schätzte (ihr erster Unterschied zu Célestin Freinet). Man musste ihren Alltag streifen, um ihre quasi unendliche Kapazität zu verstehen, mit der sie die wenig dankbaren Aufgaben erfüllte... Im Handumdrehen organisierte sie die Arbeit: mit Rekordgeschwindigkeit formte sie Törtchen in der Küche, stellte nebenbei für den CEL-Versand z.B. eine Arbeitskartenkartei zusammen, um sie dann zur Post zu bringen.

    Man kann sich aufgrund verschiedener (Zeit-)Zeugenaussagen auch vorstellen, wie ihr Leben an der Ecole Freinet in Vence während den Vorkriegsjahren war. Es galt nicht nur die Erziehung der oft schwierigen Kinder sicherzustellen, sondern auch die vielfältigen Probleme des Alltagslebens (Nahrung, Kleidung, Gesundheit) zu lösen, während das Landschulheim noch im Aufbau war. Das alles mit ärmlichen Mitteln, was noch erschwert wurde durch die Ankunft der kleinen spanischen Flüchtlinge, die man empfing, ohne genau zu wissen, wie das zu finanzieren war...

    Im Frühling 1940 wurde Célestin interniert. Elise musste. als Wäscherin und Glätterin für das Überleben der Kinder sorgen, die in der Schule übrig blieben, da sie nicht zu ihren Familien zurück konnten...

    Wer außer Elise hätte nach dem Krieg die Geschichte der Bewegung schreiben können? Célestin war mit all seiner Energie bei Zukunftsperspektiven und dem täglichen Kampf des Wiederaufbaus, er hätte diese. langwierige Arbeit nicht unternehmen können. Damals gab es noch keinen Fotokopierer, alles und jedes Zitat musste von Hand geschrieben werden...

    Das Buch "Naissance d'une Pédagogie Populaire" von Elise bleibt ein verdienstvolles Werk, ohne das die Aktiven in den Nachkriegsjahren nicht Zugang zu den wesentlichen Texten gehabt hätten, auch wenn es keine definitive und indiskutable Bibel ist. [M. Barre kritisiert u.a. falsche Jahreszahlen]

    Anstifterin zum Künstlerischen in der Bewegung Ecole Moderne

    Elise Lagier-Bruno war 28jährig, Lehrerin und anerkannte Künstlerin, als sie 1926 Célestin Freinet heiratete. Für ihre Holzschnitte erhielt sie 1927 den "Prix Gustave Dore", benannt nach dem berühmten Illustrator des 19. Jahrhunderts von "Don Quijote", Rabelais, Balzac. Unter ihrem Mädchennamen illustrierte sie Freinets Broschüre "Un mois avec les enfants russes" über seine Russland-Reise (1925) und schuf auch das Signet für die C.E.L.. Die Geburt der Tochter Madeleine (1929), die Affäre von St. Paul und anschließend der Aufbau der (privaten) Ecole Freinet ließen wenig Zeit für ihre persönlichen künstlerischen Tätigkeiten. Trotzdem widmete sie sich der Entwicklung des künstlerischen Ausdrucks in den Schulklassen. Sie sprach als erste von "dessin libre", noch bevor Freinet den Ausdruck "texte libre" gebrauchte...

    Zu jener Zeit hatten die meisten Lehrer/innen noch eine kümmerliche künstlerische Ausbildung. Selten waren diejenigen, die ein Museum besuchten, Kunstreproduktionen waren teuer. Falls Zeichenunterricht überhaupt erteilt wurde, beschränkte er sich auf das Abzeichnen von schematischen Mustern oder banalen Objekten. Die zur Verfügung stehenden Materialien und Werkzeuge begünstigten kaum Freude am Gestalten: schlechtes Papier höchstens in Heftformat A5, Bleistifte, mit Glück Farbstifte, Farben in kleinen Schälchen.

    Die Revolution, welche Elise vor dem Weltkrieg in Gang setzte, bestand im Durchbrechen dieser Routinen. Vor allem die Abkehr von den vorgegebenen Sujets, dem kleinlichen Format, den ungenügenden Materialien. Aus Geldmangel behalf man sich mit Musterpapier aus Druckereien oder Packpapier, mit Farbpulver (das man kiloweise in der Drogerie kaufte und mit Kleister vermengte). Dies befreite für großzügigere schöpferische Gesten. Es mussten aber auch die Erwachsenen (Lehrer und Eltern) überzeugt werden, um ihnen das Vertrauen in die Werte des freien Ausdrucks der Kinder zu geben. Célestin Freinet schrieb deshalb "La Methode naturelle de dessin", wo er anhand der Zeichnungen ihrer Tochter aufzeigt, wie ein Kind auch ohne Kopieraufgaben aus anfänglichen Kritzeleien im Laufe der Zeit ganz natürlich Menschen, Tiere, Häuser erkennbar darstellen kann.

    Elise Freinet zögerte aber nicht, ein direktes Eingreifen in die kindlichen Schöpfungen zu praktizieren... Sie half dem Kind, schon im Verlaufe des gestalterischen Prozesses die Originalität zu erkennen und zu verstärken, die gerade in seinem Werk am Entstehen war. Gelegentlich nahm sie auch selbst den Pinsel, um dem Kind konkret zu zeigen, was sie ihm vorschlagen wollte. Elise wusste aber auch, dass die Lehrerausbildung nicht auf eine Lehrerrolle als Künstler-Compagnion vorbereitet. Sie leitete deshalb Ausbildungs-Stages für die Mitglieder der Bewegung. Viel geschah auch auf dem Korrespondenzweg: es wurden ihr Kinderproduktionen geschickt, auf der Rückseite machte Elise ihre Anmerkungen, mit Künstlerkreide zeigte sie, wie man den Ausdruck verstärken könnte. Dazu organisierte sie "Circuits de dessins": man ließ in den Klassen Serien von Zeichnungen zirkulieren, die durch ihre Qualitäten die Klassen anregten, eigene Arbeiten dazu zu legen und den nächsten Klassen zu schicken. Am Schluss konnte man mit diesen Zeichnungen eine Ausstellung gestalten für die Regionalgruppe oder den nationalen Kongress. Um die künstlerische Ader der Bewegung zu fördern, waren alle Mittel recht: es gab Wettbewerbe mit Naturalienpreise (Guachen und Pinsel) und sogar Diplome. (Gewisse Leute werden finden, dass dies mit Freinet-Pädagogik nicht zusammenpasst). Die Resultate sind da: in weniger als 10 Jahren haben sich die Klassen multipliziert, die kreative Arbeiten produzieren, ohne in neue Stereotypen zu verfallen. Dies betraf nicht nur Malereien, sondern auch Arbeiten mit Ton und Stoff. Nicht zu vergessen ist, dass Elise Freinet das Buch "L'enfant artiste" und die Zeitschrift "L'Art enfantin", die erste zweimonatliche Revue über den künstlerischen Ausdruck bei Kindern, herausgab....

    Permanente Dialektik zwischen Elise und Célestin Freinet

    Man wird im folgenden verstehen, dass Elise und Célestin sehr unterschiedliche Persönlichkeiten waren. Wenn Célestin sagte, er richte sich an die gewöhnlichen Lehrer und nicht an die Künstler der Pädagogik, die sich so oder so aus der Affäre ziehen, dann dachte er bei letzteren wohl an Elise. Wir wissen, dass Elise mit ihrem pädagogischen Talent mehr als einmal ihre Inspektoren überredete. Es ist nicht. sicher, ob sie sich für eine Pädagogik interessiert hätte, die soviel Gewicht auf Techniken legt und so wenig sich um die persönliche Intuition des Erziehers zu kümmern scheint, wenn sie nicht Célestin Freinet geheiratet hätte.

    Elise fand sich solide mit Célestin verbunden über den gemeinsamen Kampf im Dienste der Kinder und des Volkes. Das bedeutet aber nicht eine komplette Übereinstimmung in Erziehungsfragen. Dies lässt sich zum Beispiel anhand von Einträgen in der Schülerzeitung "Les Pionniers" an der Ecole Freinet in Vence vom 30 Januar 1936 ablesen:

      Gestern abend haben wir die Sitzung von vorgestern fortgesetzt. Wir haben diskutiert, ob wir in Gruppen arbeiten sollen oder nach einer anarchistischen Methode. Papa (C.Freinet) und Maman (E.Freinet) haben sehr lange diskutiert, ohne dass sie sich einigen konnten. Maman wollte, dass die großen Leute verantwortlich seien, weil die Kinder sich nicht ganz alleine selbst lehren können. Papa wollte, dass die Kinder verantwortlich seien, weil sie lernen sollen, sich selbst zu helfen. Aber er sagte, wenn wir etwas nicht wüssten, dann könnten wir natürlich auch die Erwachsenen fragen gehen, oder die benachbarten Bauern, die dann unsere Professoren seien.


    Es ist bewundernswert, dass diese unterschiedlichen Meinungen der Erwachsenen in der Schülerzeitung publiziert wurden. Elise sah, wie die Kinder eher der Ansicht von Célestin zuneigten, sie schrieb deshalb eine Präzisierung ihres Standpunktes:

      Ich frage, ob die Erwachsenen verantwortlich sein sollen für gewisse Aktivitäten wie Zeichnen oder Wissenschaften,

      1. weil Erwachsene ein Teil der Gemeinschaft sind und die gleichen Rechte wie Kinder haben.
      2. weil die Kinder für bestimmte Aktivitäten (z.B. Wissenschaften) eine effiziente und dauerhafte Hilfe brauchen. Es ist normal, dass der Erwachsene solange für die Erziehung da ist, bis das Kind selbst verantwortlich werden kann. Es ist eine Uebergangsphase.
      3. der Erwachsene muss auch seine eigene Erziehung machen, da er stärker als das Kind deformiert ist. Wenn er verantwortlich ist, ist er verpflichtet euch mehr zu folgen und auch für sich einen Plan zu machen.

      Ich möchte für das Zeichnen zuständig sein, weil ich finde, ich kann euch helfen, dass ihr schönere und wahrere Bilder macht. Ich sehe weiter als ihr in der Arbeit, die ich organisieren will. Ich weiß, wenn ihr allein seid, könnt ihr keinen gossen Effort machen. Mein Denken kann euch unterstützen, wenn das eure müde ist. Wenn der Plan für mich keine genaue Aufgabe vorsieht, kann ich euch für eine andere Aufgabe verlassen. Das kann aber traurig sein für die Kleinen wie Noel, die große Künstler sind, aber nur einen kleinen
      ... Willen haben.

    In jedem Augenblick ist die reelle Praxis der Freinet-Pädagogik ausgegangen von der Auseinandersetzung zwischen diesen zwei Positionen. Célestin gab all seine Entwürfe Elise. Er war sehr aufmerksam für jede Kritik, vor allem von Elise. Die Dialektik führte weder zu einem Konsens noch zu einem Kompromiss, aber sie nuancierte die Überzeugungen und diversifizierte die Antworten...

    Die Reichhaltigkeit und lebendige Komplexität der Freinet-Pädagogik verdankt ohne Zweifel sehr viel dieser dauernden Dialektik zwischen Célestin und Elise Freinet. Die Risiken bestanden auf beiden Seiten: trockenes rigides System von Techniken oder elitäres Künstlertum, das eine neue Sorte von "guten Lehrern" verlangt.

    Kritisches

    Wenn ich eine Festschrift schreiben müsste, würde ich hier einhalten. Ich muss aber beifügen, dass ich mich nach dem Tode Freinets gegen Elise aufgelehnt habe, wie auch einige andere. Elise versuchte nach und nach beide Rollen einzunehmen: einerseits Hauptvertreterin einer Freinet-Pädagogik der Massen und andererseits einem gewissen Elitismus nicht abgeneigt. Diese Gegensätze führten nicht zu einem Gleichgewicht und vervielfachten die Änderungen von Entscheiden. Wir waren eine große Anzahl, die wussten, dass die Bewegung nur in der kollektiven Verantwortung die Kraft für Weiterentwicklungen finden konnte. Elise und wir hatten da unterschiedliche Vorstellungen über die Treue zu Freinet. Vielleicht wird man spüren können - trotz diesen Zusammenstössen, die uns trennten, dass die aufrichtige Bewunderung für Elise nicht aufgehört hat, mich zu inspirieren.

    Michel Barré

    [Anmerkungen von P.J.:

    In den 60er Jahren hemmten ein Personenkult und verstärkte Bürokratisierung die Arbeit der Bewegung Ecole Moderne. Nachdem mit Freinet keine Einigung über die Geschäftspolitik der CEL und die theoretische Ausrichtung zustande kam, spaltete sich 1964 die Pariser Gruppe um Fernand Oury als Pédagogie Institutionelle ab. Der Pariser Mai 1968 leitete eine Wende ein. Noch im Educateur vom 1. Juni 68 begrüsste Elise Freinet als Präsidentin der I.C.E.M. die Anliegen der protestierenden Studenten. Im Oktober.68 verlangte u.a. Michel Barré, dass auch die I.C.E.M. gewisse Gewohnheiten ändere. Die Diskussionen führten wieder zu einer größeren Offenheit für neuere psychologische und soziologische Ansätze, die bürokratischen Strukturen wurden durch basisdemokratische Ansätze aufgelöst. In der Folge hatte sich Elise Freinet von der Bewegung zurückgezogen, sie starb am 30.1. 1983.]




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